Sport : Italien im Abseits

Der Weltmeister gerät beim 0:3 gegen die Niederlande unter die Räder – eingeleitet wird die Niederlage durch ein kurioses Tor, das regelwidrig aussieht, aber doch wohl regelgerecht ist

Oliver Trust[Bern]

Singen konnten sie. Mit ihrer ganz eigenen Inbrunst schmetterten gestern Abend elf italienische Fußballprofis ihre Nationalhymne durch das Stadion von Bern-Wankdorf. Das hörte sich schön an und versprach viel Leidenschaft im folgenden zweiten Spiel der EM-Gruppe C. Von italienischer Passion war dann allerdings weniger zu spüren, der Gegner machte die Musik. Und wie. Holland zelebrierte schönen Angriffsfußball, der erstaunlicher Weise nicht an taktisch gut gestaffelten italienischen Abwehrketten endete. Nein, die Niederländer sorgten durchaus für einen der ersten Höhepunkte der Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich. Vor 30 777 Zuschauern besiegten sie den Weltmeister 3:0 (2:0).

Der holländische Sieg war völlig verdient, auch wenn er durch ein Tor eingeleitet wurde, an dessen Anerkennung selbst die holländischen Spieler Zweifel zu haben schienen. Wesley Sneijder drosch den Ball in den italienischen Strafraum, fünf Meter vor dem Tor lauerte Ruud van Nistelrooy – klar allein vor Torwart Gianluigi Buffon, nach Regelauslegung von Schiedsrichter Peter Fröjfeldt aber trotzdem nicht im Abseits. Nistelrooy lenkte den Ball ins Tor, schaute irritiert zum Schiedsrichter und jubelte dann vorsichtig. Fröjfeldt gab den Treffer. Warum?

Der Italiener Christian Panucci lag während des entscheidenden Passes hinter der Grundlinie und hob nach Meinung des Referees damit das Abseits auf. In den Regeln steht: „Begibt sich ein verteidigender Spieler hinter die eigene Torlinie, um einen Gegner abseits zu stellen, lässt der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen“ – bei Absicht wird der Abwehrspieler verwarnt. Panucci aber war von Torwart Buffon beim Abwehrversuch ins Aus befördert worden. Eine knifflige Situation, die bei den Italienern Verärgerung auslöste. Luca Toni äußerte seinen Unmut am lautesten, der Bundesliga-Profi vom FC Bayern sah daraufhin die Gelbe Karte.

DFB-Schiedsrichtersprecher Manfred Amerell unterstützte auf Nachfrage die Entscheidung. Amerell sagte dem Tagesspiegel: „Ein Abwehrspieler kann einen Angreifer nicht abseits stellen, nur weil er sich hinter der Torlinie befindet. In diesem Fall lag der Spieler unabsichtlich hinter der Linie und wird deshalb auch nicht verwarnt, wie es von der Regel im Absichtsfalle verlangt wird. Dennoch ist er Teil des Spiels und hebt damit eine Abseitsstellung auf.“

Hatten die Holländer anfangs noch ein wenig Probleme gehabt, die gut stehenden Italiener zu überlisten, so gelang ihnen fortan immer mehr. Mit ein paar Pässen zerstörten sie die italienische Ordnung. Rafael van der Vaart bediente fünf Minuten später Giovanni van Bronckhorst, der spielte auf Dirk Kuyt, ein Kopfball später landete der Ball auf dem Fuß von Sneijder und von dort aus volley im Tor von Buffon. Die holländische Führung hätte schnell noch klarer ausfallen, allein von Nistelrooy hatte zwei weitere gute Chancen, nachdem er locker durch die wackelige italienische Vierer-Abwehrkette gelaufen war.

Die Italiener stellten daraufhin ihr doch recht zaghaftes Spiel nur sehr mühsam um. „Mein Team ist gelassen, aber hochmotiviert“, hatte ihr Trainer Roberto Donadoni vorher gesagt. Gelassen war sein Team schon. Aber motiviert? Die Italiener verstärkten zwar nach der Einwechslung von Alessandro del Piero ihre Bemühungen – aber ohne Erfolg. Die Holländer verteidigten geschickt und konnten ihren Vorsprung sogar nach einem Konter noch ausbauen. Van Bronckhorst traf noch zum 3:0.

„Italien ist schwer zu schlagen, aber wir haben eben auch einiges zu bieten“, sagte Marco van Basten. Der holländische Trainer hatte da wohl untertrieben. Seine Mannschaft hatte in ihrem ersten EM-Spiel sehr viel geboten und zu Recht gewonnen. Für die Italiener dagegen ließ sich am Ende des Abends feststellen: Schön gesungen, schlecht gespielt. Der Weltmeister steht nach dem ersten Gruppenspiel schon gewaltig unter Druck.

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