Italien : Mit Verboten gegen Randale

Nach den Fanunruhen in Italien sollen die Stadionkurven leer bleiben und Spiele abgesagt werden. Fans sollen künftig zudem nicht mehr zu Auswärtsspielen fahren dürfen.

Vincenzo delle Donne[Mailand]
Italien
Schwere Sachschäden richteten die Randalierer in Rom an. -Foto: dpa

Ein fataler Fehler eines Polizisten hat in Rom zu bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen geführt. Der 28-jährige römische Fußballfan Gabriele Sandri war am Sonntagmorgen auf dem Weg zum Auswärtsspiel seiner Mannschaft Lazio bei Arezzo von einem Polizisten erschossen worden. Eine Aussage des Anwalts der Familie des Opfers, Luigi Conti, heizte die Lage dann noch an. „Es war Mord“, verkündete der Anwalt. Wie auf Kommando überfielen daraufhin am Sonntagabend rund 200 randalierende Fans von Lazio Rom und vom AS Rom den Sitz des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) am Foro Italico sowie eine Polizeistation und richteten schwere Sachschäden an. 40 Polizisten wurden dabei verletzt.

Die Polizei konnte vier Randalierer festnehmen, die am Montag von der Staatsanwaltschaft wegen „terroristischen Aktionen“ angeklagt wurden. Gegen den Todesschützen wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Das Innenministerium verbot Fans vorläufig Reisen zu Auswärtsspielen und sperrte die Fankurven in Bergamo und Taranto. Staatspräsident Giorgio Napolitano nahm, auf einem Staatsbesuch in Doha weilend, Stellung zu den Ereignissen in der Heimat. „Ich bin sehr besorgt“, sagte er und beklagte, dass die „Fernsehbilder der Ausschreitungen in der ganzen Welt zu sehen waren.“

In Bergamo, wo das Spiel Atalanta Bergamo gegen den AC Milan ausgetragen wurde, hatten sich nach dem tödlichen Schuss gegen den Lazio-Fan am Sonntag Randalierer mit Polizisten angelegt. Kurz vor Anpfiff kam es vor dem Stadion von Bergamo zu Übergriffen von Tifosi auf die Polizei. Dabei verbrüderten sich die Anhänger beider Mannschaften im Kampf gegen die Polizei. Nachdem sie die Polizei mit „Mörder“-Rufen bedacht hatten, bewarfen sie die Polizisten mit Steinen. Im Stadion verteilten Fans Tränengas, um einen Abbruch des Spiels zu erwirken, als der Schiedsrichter das Spiel bereits angepfiffen hatte. Sie rissen dann die Zuschauerbegrenzung nieder. Am Ende wurde das Spiel abgesagt, weil die Spieler um ihre Sicherheit fürchteten. Auch die Spiele AS Rom gegen US Cagliari und Inter Mailand gegen Lazio Rom wurden abgesagt, was in Mailand dann zu Protesten der Fans führte. Ein Protestzug, bestehend aus 400 Fans von Inter und Lazio, marschierte vom Mailänder Meazza-Stadion zum staatlichen Fernsehsender RAI.

Lange war nach dem tödlichen Schuss auf den Fan zwischen dem Fußballverbandspräsidenten Giancarlo Abete und dem Polizeichef des Landes, Antonio Manganelli, gestritten worden, ob es nicht besser sei, den gesamten Spieltag der Serie A abzusagen. So, wie das nach dem Tod des Polizisten Filippo Raciti am 2. Februar dieses Jahres in Catania passiert war. Am Ende setzte sich jedoch der Polizeichef Manganelli mit seiner Argumentation durch. Er hatte gesagt, er wolle vermeiden, dass es in den Austragungsorten der Spiele der Serie A spontan zu Demonstrationen gegen die Polizei käme. „Wir müssen spielen“, ordnete Manganelli an. Das empfanden viele Fans als Ungleichbehandlung, sie monierten, der Tod eines Polizisten würde höher bewertet als der eines Fans.

Lazios Fangemeinde scheint ohnehin ein Gradmesser der Befindlichkeit vieler italienischer Fußballfans zu sein. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Lazio-Anhänger von Rechtsextremen unterwandert sind. Offen grüßte etwa Lazios ehemaliger Profi Paolo di Canio bei einem Spiel die Fans mit dem faschistischen Gruß.

Durch Vermittlung des Rechtsdemokraten Gianfranco Fini gelang es Lazios jetzigen Präsidenten Claudio Lotito vor einigen Jahren, die Aktienmehrheit des bankrotten Klubs zu übernehmen. Mithilfe der rechten Fans, der sogenannten „Irriducibili“, die auf Befehl mal den Fußballverbandssitz, mal das Finanzministerium oder die römische Finanzdirektion belagerten, gelang es dem Lazio-Präsidenten, eine Stundung der Steuerschuld des Klubs von 148 Millionen Euro zu erwirken. Die „Irriducibili“ – unter den Anführern Fabrizio Toffolo, Yuri Alviti Paolo Arcivieri sowie Fabrizio Piscitelli – waren eine regelrechte Macht im Klub, die vom Präsidenten Geld und Freitickets bekam. Als Lotito sich dann der zwielichtigen Helfer plötzlich entledigen wollte, wurde er mit dem Tod bedroht. Jetzt hat er Tag und Nacht Polizeischutz, weil er sich weigerte, den Klub an eine von der Verbrecherorganisation Camorra beeinflussten Käufergruppe zu veräußern.

Sportministerin Giovanna Melandri dürfte nun im Einklang mit Innenminister Giuliano Amato, Fußballverbandspräsident Giancarlo Abete und NOK-Präsident Gianni Petrucci der Liga am nächsten Sonntag eine Zwangspause verordnen. Das beträfe allerdings nicht die Serie A, denn die pausiert wegen der EM-Qualifikationsspiele ohnehin. Seit letztem Februar haben sowohl der italienische Fußballverband als auch der Innenminister eine Reihe von Antigewaltmaßnahmen erlassen, die allerdings von den Tifosi als unangemessen erachtet werden. Sie würden den Tod des Fußballs bewirken, hieß es.

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