Sport : Italien rechnet

Nach dem 1:1 gegen Kroatien erinnert sich das Land an ein altes Trauma – das EM-Aus 2004.

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Enttäuscht. Ein genialer Andrea Pirlo reichte nicht. Italien fehlt es an Durchschlagskraft im Sturm.
Enttäuscht. Ein genialer Andrea Pirlo reichte nicht. Italien fehlt es an Durchschlagskraft im Sturm.Foto: dpa

In der Nacht des 22. Juni 2004 sah Giovanni Trapattoni blass aus. Im dunklen Anzug stand der Maestro mit schmalen Lippen einsam in der zugigen Einfahrt zum Kabinentrakt des Dom-Afonso-Henriques-Stadion in Guimaraes/Portugal und hielt seinen Mantel über seinem Arm. Sein Ende als Nationaltrainer Italiens würde nur noch eine Frage von Stunden sein, das wusste Trapattoni in dem Moment. Weil sich Schweden und Dänemark 2:2 trennten, war Italien trotz des 2:1 über Bulgarien ausgeschieden.

Bis heute hat Italien sein großes EM-Trauma nicht vergessen. Wiederholt es sich acht Jahre später? Am Abend des 1:1 gegen Kroatien war es wieder da, dies schale Gefühl, das die Italiener spüren, wenn sie nur an ein 2:2 denken. Schwedens Ausgleich fiel damals in der 90. Minute, Dänemarks Torwart ließ den Ball durch, das ergab: Schweden 5 Punkte, Dänemark 5 und Italien 5. Der direkte Vergleich entschied. So könnte es 2012 wieder sein. „Wenn Spanien gegen Kroatien 2:2 spielt, dann können alle schmunzeln“, sagte Gianluigi Buffon nach dem Spiel. Und er sagte nur diesen einen Satz. Die Rechenbeispiele vor dem entscheidenden Spieltag der Gruppe C sind vor allem für Italien gefährlich. Ein 2:2 zwischen Kroatien und Spanien bedeutet: Italien brächte bei gleichen Punkten des direkten Vergleichs 2:2 Tore in den Wettbewerb, Spanien und Kroatien aber 3:3.

2012 ist Trapattoni wieder Teil des Dramas. Als Trainer der Iren. Ihn muss Italien schlagen und kann doch nicht sicher sein, ob das zu einem Happy-End reicht. Bei der WM 2010 schied Italien nach zwei 1:1-Unentschieden und nach einem 2:3 gegen Slowenien aus – ohne Sieg. 2012 hilft im letzten EM-Gruppenspiel in Posen womöglich nicht mal mehr ein Sieg.

Italiens Trainer Cesare Prandelli versuchte vergeblich, gelassen zu wirken. Er konnte sagen, was er wollte – sein Gesicht erzählte eine andere Geschichte. Sein Problem ist nicht die Abwehr, die bis auf den Fehler von Giorgio Chiellini, der zum Tor von Mario Mandzukic (72.) führte, sicher stand. Es ist nicht das Mittelfeld, in dem Andrea Pirlo mit seinen 33 Jahren souverän aufspielte und das 1:0 mit einem Freistoß (39.) schoss. Prandellis Problem ist der Angriff.

Antonio Cassano, dessen derbe Witze und dümmliche Einlassungen über Homosexuelle ein Thema für sich sind, überstand vor wenigen Monaten eine Herzoperation und musste ein langes Reha-Programm absolvieren. Seine Ausdauer lässt zu wünschen übrig. Mario Balotelli, exzentrischer Star von Manchester City, fällt in Polen ebenfalls nicht als ausdauernder Kicker auf. „Wir haben nach 60 Minuten ein Problem, ich habe schwere Beine gesehen“, sagte Prandelli. Auch gegen Kroatien holte er beide Stürmer vom Platz. Selbst die Stellvertreter im Sturm konnten kein neues Feuer entfachen.

„Wir sind immer noch dabei, aber wir haben heute eine Chance vergeben“, sagte Prandelli. „Das ist das Gefühl, das uns nun umgibt.“ Kleinlaut sprach er von einem Leistungsabfall nach der Pause, der ihm unerklärlich erschien. „Wir haben zu wenig gewagt.“ Italien hatte keine Kraft mehr, die Kroaten waren in der Schlussphase eines trotzdem ansehnlichen Spiels mit hohem technischen Niveau dem Sieg näher als die Italiener.

Die Kroaten wiederum befinden sich, wie es Trainer Slaven Bilic ausdrückte, in einer „Situation, die wir uns so gewünscht haben“. Die Chance aufs Viertelfinale werde man sich nicht mehr nehmen lassen. Cesare Prandelli senkte derweil den Kopf.

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