Italien : Rückblende in die Steinzeit

Nach dem EM-Aus steht der Weltmeister Italien vor einem großen Umbruch – wahrscheinlich auch auf der Trainerposition. Der Verband hat sich bisher nicht hinter Roberto Donadoni gestellt.

Sven Goldmann[Wien]
EURO 2008 - Pk Italien - Roberto Donadoni
Antworten, bitte. Italiens Trainer Roberto Donadoni steht in der Kritik.Foto: dpa

Als alles vorbei war, hatte Giancarlo Abete seinen großen Auftritt. Die Reporter der Corrieres und Gazzettas stürzten sich auf den Präsidenten des italienischen Fußballverbandes. Wie konnte das passieren? Italien, der Weltmeister, gescheitert schon im Viertelfinale nach einer desaströsen Leistung – welche Konsequenzen wird das haben? Abete sprach von Beratungen, die noch zu führen seien, und dass in Wien ein Zyklus zu Ende gegangen sei. Gemeint war wahrscheinlich die Ära der erfolgreichen Nationalmannschaft um Spieler wie Fabio Cannavaro, Marco Materazzi, Christian Panucci oder Alessandro Del Piero, allesamt schon Mitte Dreißig. Und doch klang es so, als habe der Verbandschef zusätzlich das Ende einer weiteren Ära verfügt, die erst vor knapp zwei Jahren begann. Die von Trainer Roberto Donadoni.

Das italienische Spiel bei dieser EM erinnerte stark an den Steinzeitfußball unter Giovanni Trapattoni. Kein Spaß, keine Kreativität, dafür reichlich Abwehrbeton. Zum Einzug in die K.o.-Runde genügte ein halbwegs gutes Spiel gegen Frankreich, das allerdings früh einen Platzverweis kassierte und noch früher seinen Spielmacher Franck Ribéry durch Verletzung verlor. Und hätte nicht im zweiten Spiel gegen Rumänien Torhüter Buffon mit Fuß und Hand einen Elfmeter abgewehrt, wären die Italiener schon viel früher nach Hause gereist und dort wahrscheinlich mit faulen Tomaten empfangen worden.

Donadoni wird einige Fragen zu beantworten haben. Etwa, ob sich sein Konzept darauf reduzierte, auf ein Elfmeterschießen und seinen überragenden Torhüter Buffon zu hoffen? Oder warum er für Alessandro Del Piero, immerhin Torschützenkönig der Serie A, keine Verwendung hatte? Im Viertelfinale schickte ihn der Trainer erst in der Verlängerung auf den Platz, in Erwartung des Elfmeterschießens, denn Del Piero ist der sicherste italienische Schütze. „Ich hätte ihn gern früher eingewechselt“, sagte Donadoni später. „Aber Daniele De Rossi hatte Schmerzen, und ich wusste nicht, ob er bis zum Schluss durchhalten würde.“ Warum trat dann der verletzte De Rossi gleich zum zweiten Elfmeter an, den er prompt verschoss? „Ich bestimme nicht die Schützen“, antwortete der Trainer. „Das muss von den Spielern kommen.“ Eine bemerkenswert progressive Einstellung zum Thema Menschenführung, aber offensichtlich wenig geeignet, eine Fußballmannschaft erfolgreich anzuleiten.

Trapattoni hatte sich vier Jahre lang im Amt des Nationaltrainers gehalten. So viel Zeit wird Donadoni kaum bekommen. Immer offener spekulieren die italienischen Zeitungen mit einem Comeback des Weltmeistermachers Marcello Lippi. Donadoni hatte seinen Vertrag vor der EM zwar um zwei Jahre verlängert, dabei aber eine Klausel akzeptiert, die bei sportlichem Misserfolg eine sofortige Trennung ermöglicht. Ist ein Scheitern im Viertelfinale nach Elfmeterschießen ein Misserfolg? Donadoni sagte, er könne die Zukunft nicht beeinflussen, eine Entscheidung könne nur der Verband treffen.

Die Mannschaft hat ihre Entscheidung anscheinend schon getroffen. Als Donadoni seine Spieler nach dem Ausscheiden noch auf dem Rasen umarmen wollte, wichen einige aus und akzeptierten nur einen Handschlag.

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