Italien : Von Deutschland lernen

Beim Wiederaufbau seiner Nationalmannschaft orientiert sich Italien am Team von Joachim Löw. Das Scheitern bei der WM in Südafrika führte zu einem Umdenken bei der Nachwuchsarbeit.

Tom Mustroph
Neues Italien. Palermos Antonio Nocerino (l.) ist wenigen Fans ein Begriff. Foto: Reuters
Neues Italien. Palermos Antonio Nocerino (l.) ist wenigen Fans ein Begriff. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Im Moment der Blamage brach die italienische Sportpresse mit einem Tabu: Nach dem WM-Vorrunden-Aus in Südafrika forderten Journalisten und Experten die Orientierung an Deutschland. Jenem Land, das den meisten Italienern fußballerisch immer als wenig innovativ galt. Doch nun sollen Nachwuchsarbeit, Integration junger Einwandererkinder sowie Spielfreude statt übermäßiger Taktikschulung nach deutschem Vorbild der Ausweg aus der sportlichen Krise sein.

Das klägliche Scheitern der Nationalmannschaft in Südafrika ließ die Verantwortlichen erkennen, dass es im italienischen Fußball lange Zeit eine Fehlentwicklung gegeben hatte. Die Situation ähnelt derer von Deutschland nach der Weltmeisterschaft 1998, als es im Anschluss an den Rücktritt vieler Leistungsträger kaum hoffnungsvolle Talente gab.

Im Halbfinale der Weltmeisterschaft vor viereinhalb Jahren konnte Italien das junge deutsche Team noch vorführen. Beim heutigen Spiel in Dortmund betrachtet man Deutschland nun als Vorbild. Einiges, was im deutschen Fußball seit langem Usus ist, wird nun auch in Italien umgesetzt. Die Nachwuchsarbeit wurde in die Hände motivierter und erfahrener Männer wie Ciro Ferrara (U-21-Trainer), Arrigo Sacchi (Koordinator aller Auswahlmannschaften), Gianni Rivera (Direktor des Ausbildungsbereichs) und Roberto Baggio (Präsident des technischen Sektors) gelegt. Die wollen mit dem alten System komplett brechen . „Wir brauchen bessere Trainer und eine auf allen Ebenen einheitliche Philosophie“, sagt Sacchi. Der einstige Trainer des AC Mailand möchte durchsetzen, dass die Nachwuchsspieler der Serie-A-Klubs regelmäßig zum Einsatz kommen.

Auch gegenüber im Ausland geborenen oder von Nichtitalienern abstammenden Spielern zeigt sich der Verband offener als je zuvor. Mario Balotelli, ein Sohn ghanaischer Einwanderer, spielt in den Planungen von Nationaltrainer Cesare Prandelli eine feste Rolle. Nach dem gebürtigen Brasilianer Amauri erhielt auch Landsmann Thiago Motta eine Einladung. Doch die beiden, 30 beziehungsweise 27 Jahre alt, sind kein Produkt italienischer Fußballschulen. Aus denen kam zuletzt immer weniger. Den letzten Juniorentitel für Italien gewann eine U-21-Auswahl bei der EM 2004. Die wenigen Nachwuchsspieler bekommen in der heimischen Liga kaum Einsatzzeiten. „Unseren Talenten wird das Leben schwergemacht. Sie finden kaum Platz in den großen Mannschaften. Die Trainer setzen lieber auf fertige Spieler aus dem Ausland“, kritisierte Sacchi und klang wie Berti Vogts Ende der neunziger Jahre. Angesichts dieser trüben Aussichten drängen talentierte Teenager vor allem in die Ausbildungszentren der englischen Premier League. Um diese Abwanderung zu unterbinden, liebäugelt der Verband nun mit Regelungen, die den Vereinen der Serie A eine Mindestanzahl an italienischen Kickern vorschreiben. „Das ist eine delikate Angelegenheit. Aber wir müssen etwas tun“, sagt Sacchi.

Für Prandelli kommen diese Änderungen – falls sie kommen – jedoch zu spät. Er ist gezwungen, aus einigen wenigen Verbliebenen wie Daniele De Rossi und Rückkehrer Gianluigi Buffon sowie Akteuren, die international höchstens Mittelmaß sind, derzeit eine Mannschaft zu formen. Spieler wie Stefano Mauri, Christian Maggio oder Antonio Nocerino kennen selbst in Italien nur Fachleute.

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