• ITALIENISCHE WELTSTARS  in der deutschen Provinz: „Ich war der Mann, der Inter holte“

ITALIENISCHE WELTSTARS  in der deutschen Provinz : „Ich war der Mann, der Inter holte“

Raffaello de Bastiani erfüllte sich vor 25 Jahren einen Traum und brachte Inter Mailand ins hessische Städtchen Herborn.

Interview: Alex Raack
In Trümmern. So sah es aus, in der Straße, in der die Pizzeria von Raffaello de Bastiani stand. Dann hatte er eine Idee. Foto: privat
In Trümmern. So sah es aus, in der Straße, in der die Pizzeria von Raffaello de Bastiani stand. Dann hatte er eine Idee. Foto:...

Raffaello de Bastiani, kennen Sie eigentlich die Rubrik im „Zeit-Magazin“ mit dem Titel „Ich habe einen Traum“?



Die kenne ich, ja.

Sie wären ein geeigneter Kandidat.

Nicht ganz. Dann müsste die Rubrik ja vielmehr „Ich habe mir einen Traum erfüllt“ heißen.

Sie erfüllten sich Ihren Traum und ließen am 20. Mai 1987 Ihre Lieblingsmannschaft Inter Mailand gegen den VfL Bochum auf dem Sportplatz Ihrer Wahlheimat Herborn spielen. Wie haben Sie das nur geschafft?

Ich war gerade 18 Jahre alt, als ich Inter Mailand zum ersten Mal spielen sah. Damals lebte ich noch in Meluno, einer kleinen Stadt in Norditalien. Und ich schwor mir, diesen Verein eines Tages für mich spielen zu lassen. Nur für mich.

Wie ging es weiter?

Als nächstes machte ich meine Ausbildung zum Koch und wanderte nach Deutschland aus, um dort in einem italienischen Restaurant zu arbeiten. 1980 zog ich nach Herborn und eröffnete bald darauf meine eigene Pizzeria. 1984 schrieb ich dann den ersten Brief an Inter Mailands damaligen Präsidenten Ernesto Pelligrini, damit er von meinem Lebenstraum erfährt.

Und der berühmte Klubboss schrieb gleich zurück: „Klar, Raffaello, überhaupt kein Problem, wir kommen nächsten Dienstag vorbei“?

Nein, nein, natürlich nicht. Aber dass er mir überhaupt antwortete, fand ich schon großartig. Drei Jahre lang standen wir im regelmäßigen Briefwechsel. Irgendwann lud er mich mit meinen Freunden aus Herborn zu sich nach Mailand ein. Auf dem Trainingsgelände lernte ich Karl-Heinz Rummenigge und Sportdirektor Giancarlo Beltrami kennen. Einmalig!

Und wann bekamen Sie endlich Ihre Zusage für das Freundschaftsspiel in der hessischen Provinz?

„Raffaello, mein Freund. Wenn wir einen freien Termin finden, dann spielt Inter Mailand bei euch in Herborn“, sagte Pelligrini. Schon nach der Weltmeisterschaft 1986 hätte es eigentlich klappen sollen, doch dann kam etwas dazwischen. Aber im April 1987 unterschrieben Beltrami und ich einen Vertrag. Über ein Freundschaftsspiel von Inter Mailand in Herborn! Ich konnte es kaum glauben.

Ganz umsonst werden die Mailänder nicht angerückt sein.

Nein. Laut Vertrag standen ihnen 25 Millionen Lire, also etwa 25 000 DM, zu. In Wirklichkeit mussten wir sogar noch wesentlich mehr blechen. Aber das ist uninteressant. Als Gegner konnte ich den VfL Bochum gewinnen. Es wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis, und ich wurde zu dem „Mann, der Inter holte“.

Kurz danach mussten Sie allerdings einen schlimmen Schicksalsschlag verkraften.

Es war am 7. Juli 1987, der Tag, der mein Leben veränderte, diesmal im negativen Sinne. Ein mit Benzin vollbeladener Tanklaster raste ungebremst in mein Haus, in meine Eisdiele und in meine Pizzeria. Alles flog in die Luft, die halbe Innenstadt von Herborn stand in Flammen. Sechs Menschen starben, 38 wurden verletzt, zwölf Häuser brannten komplett aus.

Wo waren Sie zu diesem Zeitpunkt?

Ich verbrachte mit meiner Familie gerade den Urlaub in Italien. Im Hotel fingen mich schließlich Polizisten ab und forderten mich auf, umgehend nach Hause zurückzukehren. In Deutschland sei etwas Schreckliches passiert. Ich wusste nicht, worum es ging, niemand konnte mir Genaues sagen. Kurz vor der deutschen Grenze kaufte ich mir dann eine italienische Zeitung. Darauf ein Foto der brennenden Herborner Altstadt und die Überschrift: „Mindestens 40 Tote bei Katastrophe in Deutschland!“ Die Sicherheitskräfte vor Ort hatten nicht gewusst, dass meine Pizzeria ausgerechnet an diesem Tag geschlossen gewesen war, und sie dachten deshalb, alle Gäste im gut besuchten Lokal seien ums Leben gekommen. Auf einer Liste der Toten fand ich auch meinen Namen. Aber ich lebte! In Herborn angekommen, war von meinem Haus und meinem Restaurant nichts mehr übrig. Es sah aus wie nach einem Bombenangriff. Ich hatte alles verloren. Nur eben mein Leben nicht.

Wie ging es weiter?

Das Haus war ja gerade erst gebaut worden, die Kredite muss ich bis heute abbezahlen. Die Versicherung warf uns Stöcke zwischen die Beine. Es dauerte Jahre, bis ich wieder auf die Beine kam. Aber bis heute spüre ich die Spätfolgen der Katastrophe.

Tröstet Sie die Erinnerung an das Inter-Gastspiel in Herborn?

Nicht immer. Aber manchmal. Interview: Alex Raack

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