Italienischer Fußball : Die Talente wandern ab

Weil Italiens Klubs immer mehr Brasilianer holen, verlässt der eigene Nachwuchs das Land.

Vincenzo Delle Donne
Ambrosini
Favoritenbürde: AC Mailands Ambrosini mit der Luigi-Berlusconi-Trophäe. -Foto: dpa

MailandBei seiner Ankunft am Mailänder Flughafen strahlte das 17 Jahre alte brasilianische Stürmertalent, aus dessen Mund eine Zahnspange hervorlugte, verschüchtert und auch überrascht. Es hatte erwartet, dass es zu einem Massenansturm kommen würde. Kein einziger Milan-Tifoso wartete indes in der Augusthitze auf den „spektakulären Einkauf“, obwohl Zeitungen und TV-Stationen wochenlang seine Fußballkünste gelobt hatten. Begleitet allein von Polizeikräften verließ Alexandre Pato unbehelligt das Flughafengebäude. Eigentlich kein würdiger Empfang für „ein zukünftiges Fußballphänomen“, wie Milans Vizepräsident Adriano Galliani den Brasilianer bezeichnet hatte. Doch die Gleichgültigkeit der Tifosi wurde von den Verantwortlichen als gutes Omen gedeutet. Schließlich wurde vor drei Jahren auch Kaká wie ein Nobody empfangen und avancierte in kurzer Zeit zum Weltstar, um den sich jetzt alle europäischen Spitzenklubs reißen.

22 Millionen Euro Ablöse überwies der AC Milan für Pato an seinen bisherigen Klub Internacional di Porto Allegre. Statt auf italienische Talente zu setzen, investierte Milan wieder einmal in einen Brasilianer. Mit dem gerade von Real Madrid geholten Emerson stehen bei Milan nun acht Brasilianer unter Vertrag. Der Druck vor der an diesem Wochenende beginnenden Saison ist entsprechend hoch.

Zu Inter Mailands Kader gehören sieben Argentinier, zu dem vom AS Rom acht Brasilianer. Eigentlich nichts Neues auf dem Apennin. Neu ist lediglich, dass nun nicht nur arrivierte Stars wie Luca Toni das Land verlassen, sondern auch die hoffnungsvollen Talente.

Kritik an Patos Verpflichtung äußerten auch die jungen Italiener, die ins Ausland wechseln müssen, um sich Geltung zu verschaffen. Zu ihnen gehört der 19-jährige Giuseppe Rossi, den einst der AC Parma entdeckte. „Mit dem Geld hätte man zwei oder drei italienische Talente verpflichten können“, sagt Rossi. Der U-21-Nationalspieler wurde mit 16 Jahren von Manchester United verpflichtet, als der AC Parma in Geldschwierigkeiten steckte. Den Sprung in die erste Mannschaft schaffte er allerdings nicht. Er wurde im letzten Jahr an Parma ausgeliehen und sorgte dafür, dass der Erstligaklub den Klassenerhalt schaffte. Doch danach wollte ihn kein italienischer Großklub haben, er wechselte zum spanischen Erstligisten Villareal. Rossis Schicksal teilt auch der 24 Jahre alte Stürmer Rolando Bianchi. In Reggina erzielte er in der vergangenen Saison 18 Treffer – und spielt nun bei Manchester City.

Bei der Squadra Azzurra, die am Mittwoch 1:3 gegen Ungarn verlor, wurde Edellegionär Luca Toni wie der neue deutsche König empfangen. „Ich hätte in Italien bleiben können“, sagte der Neuzugang des FC Bayern, „es gab Verhandlungen mit den drei großen Klubs Milan, Inter und Juventus, aber es wurde nichts daraus.“ Auch Luca Toni war vor einigen Jahren vom AC Milan verschmäht worden. Als er noch für Palermo stürmte, habe ihn der Klub für 9 Millionen Euro Ablöse der Milan-Führung offeriert. Doch die zog es vor, 18 Millionen in den jungen Brasilianer Ricardo Oliveira zu investieren. Oliveira wurde inzwischen von Milan als ligauntauglich abgeschoben. Luca Toni erzielte unterdessen in der Serie A in vier Spielzeiten 97 Treffer. Eine späte, aber kleine Revanche.

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