Italiens Nationalmannschaft : Das Miteinander der Generationen

Die italienische Fußball-Nationalmannschaft profitiert von Andrea Pirlos Virtuosität und der Explosivität Mario Balotellis. Beim Confed-Cup gegen Mexiko waren die beiden die prägenden Gestalten im Maracana.

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Elegant und cool. Andrea Pirlo (rechts) und Mario Balotelli zeigen in ihrem ersten Spiel beim Confed-Cup große Fußball-Kunst.
Elegant und cool. Andrea Pirlo (rechts) und Mario Balotelli zeigen in ihrem ersten Spiel beim Confed-Cup große Fußball-Kunst.Foto: dpa

Die letzte gemeinsame Aktion? Kaum zu glauben! Andrea Pirlo passt auf Mario Balotelli, der schnipst sich den Ball mit dem rechten Fuß an den linken, noch mal auf den rechten und zurück in den Lauf von Pirlo. Gut 70 000 Zuschauer im Estadio do Maracana von Rio de Janeiro staunten. Ist das wirklich Mario Balotelli? Das Muskelgebirge auf Beinen, gesegnet mit der Fähigkeit, den Ball mit Kopf oder Fuß ins Tor zu rammen, aber nicht weiter interessiert an den Feinheiten des Spiels?

Die Grazie eines Andrea Pirlo wird Mario Balotelli wohl nie erreichen. Aber am Sonntag, beim 2:1 im ersten Confed-Cup-Spiel der italienischen Fußball-Nationalmannschaft gegen Mexiko, waren die beiden die prägenden Gestalten im Maracana. Der Alte und das Greenhorn. Der eine 34, der andere erst 22 Jahre alt.

Pirlo schoss ein wunderschönes Freistoßtor und dirigierte das Spiel mit so vollendeter Eleganz, wie es nur wenige können. Es war die passende Pointe in seinem 100. Länderspiel, und der schweigsame Pirlo war sich der Bedeutung bewusst, dass er es ausgerechnet im Maracana erlebte. Pirlo war in Plauderlaune, er sprach er von einer „bellissima situazione“ und dass es noch längst nicht vorbei sei mit der Nationalmannschaft. „Ich habe noch einiges vor, bei diesem Turnier“, und natürlich in einem Jahr bei der WM. „Andrea Pirlo ist Fußball“, sprach Cesare Prandelli mit angemessener Feierlichkeit nach dem Jubiläum im Maracana. „Und das Großartige an ihm ist, dass er nie versucht hat, eine Rolle zu spielen. Er ist einfach Andrea Pirlo.“ So wie Mario Balotelli immer Mario Balotelli sein wird und doch so ganz anders sein kann, als der Rest der Welt gedacht hat.

Drei Jahre nach dem Debakel mit dem Vorrundenaus bei der WM in Südafrika zählen die Italiener wieder zu den zu beachtenden Größen im Weltfußball. Ihr Spiel hat sich kontinuierlich weiter entwickelt, und das verdanken sie einem Miteinander der Generationen. Der Virtuosität eines Andrea Pirlo und der Explosivität eines Mario Balotelli.

Balotelli war am Sonntag verantwortlich für das späte Siegtor, es war ein typisches Balotelli-Tor, allein gegen drei Mexikaner und gegen alle Wahrscheinlichkeit. Trainer Prandelli fand dafür die schöne Formulierung, es sei ein „Tor mit Stärke und Temperament“ gewesen. Aber davor und vor allem danach beim spektakulären Doppelpass mit Pirlo gab es auch Szenen, in denen er den Ball mit ungeahnter Feinfühligkeit behandelte. In denen er im richtigen Augenblick das Richtige tat und sich mit bemerkenswerter Wendigkeit um seine Gegenspieler drehte.

Vor einem Jahr in Warschau hat Balotelli zwar die Deutschen mit zwei Toren aus der Europameisterschaft geschossen, im Kreis der Kollegen aber wirkte er wie ein frei schwebendes Elementarteilchen. Mario Balotelli ist bei dieser EM gefühlte tausend Mal ins Abseits gelaufen, er hat aus 50 Metern genauso gern aufs Tor geschossen, wie er aus 20 Metern Fallrückzieher probierte. In Rio hatte so ziemlich jede seiner Aktionen Sinn und Verstand. Es war dies die Botschaft dieses Abends: Mario Balotelli kann nicht nur Fußball kämpfen und treten und rammen. Mario Balotelli kann auch Fußball spielen.

Das heißt nun nicht, dass es den alten Balotelli gar nicht mehr gibt. Einmal hatten ihn zwei Mexikaner an der Strafraumgrenze in die Zange genommen und durchaus elfmeterwürdig zu Fall gebracht. Es ertönte aber kein Pfiff im lauten Maracana, was Balotelli so wütend machte, dass er einen Schuh in Richtung Eckfahne schleuderte und dazu allerlei Nettigkeiten in Richtung Linienrichter, sie waren leider nicht zu hören. Weil der Schiedsrichter nichts mitbekommen hatte, blieb Balotelli die Gelbe Karte erspart.

Er bekam sie dann später am Abend, nachdem er sein Siegtor gefeiert hatte so wie vor einem Jahr im Halbfinale der Europameisterschaft gegen die Deutschen. Mit entblößtem Oberkörper, auch das ist gemäß den Regularien nicht erlaubt. „Ach Mario, wir wissen doch jetzt, wie deine Muskeln aussehen“, seufzte Prandelli. „Du muss sie uns im nächsten Spiel nicht noch mal zeigen“, denn im Falle einer zweiten Gelben Karte wäre Balotelli gesperrt für das dritte Vorrundenspiel, und da geht es immerhin gegen den Confed-Cup-Gastgeber Brasilien.

Noch später am Abend hat er lieb in die Kameras geschaut, und mit seinen beinahe schon spießbürgerlich ordentlichen Haaren war auch äußerlich nicht mehr viel übrig von dem Mann, dessen Frisuren dem Strafbestand der Körperverletzung doch sehr nahe kamen.

Mario Balotelli sieht mittlerweile so brav aus, wie Andrea Pirlo wahrscheinlich ist, nur dass er mittlerweile mit seinem verwegenen Vollbart gar nicht mehr so brav aussieht. Vielleicht ist es so, dass Pirlo sich von Balotelli das äußerlich Extravagante abgeschaut hat und Balotelli von Pirlo ein bisschen mehr Fußball gelernt hat.

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