• Italiens Sportministerin droht schon mit Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Sport : Italiens Sportministerin droht schon mit Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Peer Meinert

Lange schauten die Verantwortlichen von Lazio und AS Rom verlegen zur Seite, all zu lange wurde das Thema so gut wie totgeschwiegen. Jetzt ist Italien geschockt über den braunen Sumpf unter römischen Fußballfans. Erst ein Bombenattentat und ein weiterer vereitelter Anschlag mit rassistischem Hintergrund haben die Verantwortlichen aufgerüttelt: Die Spur der Gewalt führt ersten Ermittlungen zufolge ins Lager der Tifosi. Schon fordert Italiens Sportministerin Giovanna Melandri drakonische Maßnahmen: Wenn es so weitergehe mit den Hakenkreuzen und antisemitischen Sprüchen im Stadion, solle es bald Fußballspiele ohne Publikum geben.

"Auschwitz ist Eure Heimat, die Öfen sind Euer Haus." Dieser ungeheuerliche Spruch war schon beim römischen Derby vor einem Jahr in der Lazio-Kurve zu lesen. Es gab zwar ein paar aufgeregte Kommentare, aber hartes Durchgreifen der Behörden hatte die Sache offenbar nicht zur Folge. Immer wieder sind im römischen Olympiastadion Nazi-Zeichen zu sehen und "Sieg Heil"-Rufe zu hören. Schwarze Spieler werden mit rassistischen Sprüchen verhöhnt. "Ultras" und "Vikinger" nennen sich die Tifosi, die Rechtsextreme sind.

So richtig ins öffentliche Bewusstsein rückte das aber erst mit den Anschlägen. Zunächst explodierte ein Sprengsatz vor einem römischen Museum für Widerstandskämpfer, letzte Woche dann wurde eine Bombe vor einem Kino entschärft, das einen Film über den Naziverbrecher Adolf Eichmann zeigte. Größeren Schaden gab es zwar nicht, aber beide Male bekannte sich eine "Antisemitische Gruppe" dazu. Gleich geriet die "Ultra"-Szene in Verdacht, nach Informationen der Zeitung "La Repubblica" soll ein Roma-Fan den Sprengsatz direkt nach dem Uefa- Cupspiel Rom gegen Newcastle gelegt haben.

Früher wurden eher die Lazio-Fans als anfällig für den Hang nach Rechtsaußen angesehen. "Heute gibt es zwischen Laziali und Romanisti keinen großen Unterschied mehr", meint ein Experte. Der braune Ungeist herrsche in beiden Fankurven. Dabei müssen die Vereine eine Million Lire (1 000 Mark) Strafe zahlen, wenn ein Hakenkreuz im Stadion zu sehen ist. "Ultras" nutzen die Strafandrohung regelrecht aus. "Manchmal wird mit den Nazi-Symbolen Druck gemacht, der Verein muss Freikarten herausrücken, damit sie verschwinden."

Immerhin: Am vergangenen Sonntag zeigten Vereine und Kicker ein erstes Aufbäumen. "Nein zu Antisemitismus, Gewalt, Rassismus", hieß es auf den Trikots der Lazio- und Juventus-Spieler. Die Spielführer Alessandro Nesta und Antonio Conte erklärten: "Wir Kapitäne verurteilen im Namen unserer Mannschaften all diejenigen, die rassistische Symbole mit ins Stadion bringen." Von Völkermord und Verfolung war die Rede. Und: "Die Werte der Brüderlichkeit sind die Grundlage des Sports." Beifall der Fans gab es dafür nicht. Stattdessen ein Spruchband: "Wir sind stolz darauf, Ultras zu sein." Und als die Tifosi nach der Partie nach Hause drängten, mussten sie vor dem Stadio Olimpico an einem großen Obelisk aus der Zeit des italienischen Faschismus vorbei - der ist noch heute dem Duce (Führer) Benito Mussolini gewidmet.

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