Sport : Italiens Stolz und Abgrund

Peter von Becker

Beckenbauer vom Staatsanwalt verhört! Polizei durchsucht die Büros von Uli Hoeneß und Rummenigge, Rekordmeister FC Bayern droht Zwangsabstieg in die Regionalliga, Jürgen Klinsmann im Gerede, Top-Schiedsrichter Markus Merk vorm Ausschluss von der WM – der schweißnasse Fan erwacht. Ist dankbar, denn es war nur ein dunkler Traum! Ist der Fan aber ein Tifoso, dann wäre er mit ein paar anderen Namen (Moggi, Lippi, Juventus Turin) soeben in der italienischen Wirklichkeit erwacht. Bestochene Schiedsrichter, manipulierte Spiele, lautet der Verdacht. Doch das nicht nur wie bei uns im Hoyzerschen Zwergriesenformat. Sondern als System des gesamten italienischen Spitzenfußballs. Das trifft, so kurz vor der WM, den Stolz des Landes. Obwohl es niemanden überrascht. Denn zwischen Bozen und Palermo nennt keiner einen Schiedsrichter den „Unparteiischen“. Weil im entscheidenden Moment ganz regelmäßig für die großen, reichen Klubs aus Turin, Mailand und Rom gepfiffen werde. Doch was sich jetzt enthüllt, ist mehr als der Normalfall. Es riecht nach „Tangentopoli“. Unter diesem Korruptions-Stichwort stürzte 1993 die politische Klasse des Landes. Nach den Craxis kam dann zwar Berlusconi. Aber selbst der hat erst mal ein Ende, und Italien steht vor einem neuen Anfang. Auch im Fußball. Falls der Mut der Justiz nicht nur ein Intermezzo bleibt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben