Ivan Klasnic : Nebenwirkungen garantiert

Der Fall des Bremer Stürmers Ivan Klasnic, der beklagt, von Medizinern jahrelang falsch behandelt worden zu sein, zieht immer weitere Kreise.

Olaf Dorow[Bremen]
Klasnic
Ivan Klasnic stürmt demnächst auch vor Gericht. -Foto: dpa

Vielleicht ist einfach zu viel Unfassbares passiert zuletzt, als dass Werder Bremens Manager Klaus Allofs noch fassungslos sein könnte. Das Theater um Miroslav Klose wurde überboten von der Affäre Carlos Alberto. Die Saison ist extrem, reihenweise fallen Spieler aus. Manchmal prügeln sie sich sogar. Einmal behauptet der schweigsame Linksverteidiger Pierre Womé in aller Öffentlichkeit, dass der Werder-Arzt Götz Dimanski ein „big Problem“ sei. Dabei gilt der Standort Bremen eigentlich als beschaulich.

Noch dazu hat Allofs einen Profi in seiner Mannschaft, der mit einer Spenderniere spielt. Das reicht aber noch nicht in dieser Extremsaison. Die Spenderniere wäre gar nicht notwendig gewesen oder zumindest noch nicht jetzt. Der Stürmer Ivan Klasnic hat vor dem Landgericht Bremen Götz Dimanski sowie die Internistin Manju Guha auf Schmerzensgeld und Schadenersatz verklagt. Laut „Spiegel“ handelt es sich um anderthalb Millionen Euro. Der Vorwurf: jahrelange „leichtfertige Falschbehandlung“.

Einen Tag nach dem 3:3 in Karlsruhe holte Ivan Klasnic gestern auf dem Bremer Trainingsgelände zum Rundumschlag gegen Dimanski aus. „Jetzt werden die Leute angeklagt, die über Jahre Scheiße gebaut haben, sie werden dafür büßen“, sagte der Stürmer.

Der Fall Klasnic beginnt für die Öffentlichkeit im Herbst 2005. Für die Mediziner hat er bereits Jahre zuvor begonnen. Im Herbst 2005 wird der in Hamburg aufgewachsene Kroate ins Bremer Klinikum Mitte eingeliefert. In der Abteilung von Professor Arno E. Lison operiert man den Stürmer am Blinddarm. Lison stellt fest, dass Klasnics Nieren bereits 70 Prozent ihrer Funktionsfähigkeit verloren haben. Aus den Unterlagen gehe hervor, dass seit Jahren alarmierende Werte negiert worden sind. Die Unterlagen hat Lison von Dimanski erhalten.

Im Januar 2007 wird Klasnic in Lisons Abteilung eine Niere eingepflanzt, in den Monaten zuvor erfährt der Verein nur noch über einen Anwalt von Klasnics Zustand. Das Vertrauensverhältnis ist weg, der Spieler untersagt dem Verein, der Öffentlichkeit Auskunft über seinen Gesundheitszustand zu geben. Die Operation misslingt. Die von Klasnics Mutter gespendete Niere wird nicht angenommen. Es klappt erst im zweiten Anlauf, mit der Niere seines Vaters. Ende 2007 feiert Klasnic ein von Experten für unmöglich gehaltenes Comeback bei Werder. Ein medizinisches Wunder, aber das Wunder hätte gar keines sein müssen, behauptet nun Lison. In einem Fernsehinterview erhebt er schwere Vorwürfe gegen Dimanski. Anhand der Werte hätte seit 2001 „jeder normale Hausarzt“ erkennen müssen, dass Gefahr in Verzug ist. 2005 sei alles zu spät und die Zerstörung der Nieren nicht mehr aufzuhalten gewesen.

Als das Interview ausgestrahlt wird, zeigt sich Lison entsetzt ob der Brisanz. Er rudert am Tag darauf mit voller Kraft zurück. Der Eindruck, er würde dem Kollegen Dimanski etwas vorwerfen, sei falsch. Doch es ist Lison, der gemeinsam mit dem Kieler Professor Ulrich Kunzendorf im Auftrag des Stürmers ein Gutachten anfertigt. Der Stürmer mag zu all dem nichts sagen. Er gilt als Spaßvogel in der Kabine und als misstrauisch gegenüber den Vorgesetzten. Er windet sich lange, ehe er Verträge unterschreibt. Klasnic hat keinen Spielerberater. Im Sommer läuft sein Vertrag aus in Bremen.

Das Gutachten, 21 Seiten lang, liefert angeblich die Grundlage für die Klage. Außergerichtlich hat man sich mit der Haftpflichtversicherung der Ärzte nicht einigen können. Über Monate war Klasnic nicht gesund geschrieben, weswegen Werder das Gehalt nicht zahlen musste. Eine private Zusatzversicherung sprang ein. Nun soll das Gutachten den Werder-Arzt sowie die involvierte Internistin schwer belasten. Doch der Fall ist viel zu verworren, um schnell erledigt zu sein. Laut Werder-Chef Jürgen Born liegt dem Klub ein Schreiben von Klasnics Anwalt vor. Das Schreiben soll, so Born, „Herrn Dimanski völlig entlasten“.

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