Jamaika bei der WM : Das schnellste Land der Welt

Jamaika beherrscht in Berlin die Schlagzeilen: Erst mit Dopinggerüchten, dann mit Ausschluss und Wiederaufnahme von sechs Läufern – und natürlich mit Usain Bolt.

Friedhard Teuffel

Der schnellste Staat der Welt. So könnte sich Jamaika nennen, wenn es denn mag und noch einen Werbeslogan sucht, etwa für gute Wirtschaftsbeziehungen, aber lieber nicht für die Tourismusindustrie, denn wer will schon im Urlaub ständig Leute rennen sehen. Zum schnellsten Staat der Welt sind die Sprinter aus Jamaika im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen in Peking gerannt, als sie fünf Goldmedaillen gewannen. Gerade auch mit dem spektakulärsten Sieg, dem über 100 Meter der Männer von Usain Bolt, lösten sie die Amerikaner an der Spitze der Tempomacher ab.

Das Staunen war groß, als da ein Jamaikaner nach dem anderen die Bahn hinuntersauste, 2,8 Millionen Einwohner hat Jamaika, so viele wie Schleswig Holstein. Bei den Weltmeisterschaften in Berlin haben die Jamaikaner ihren Führungsposition nun verteidigt. Konkurrenzlos drehte die Staffel ihre Runde Nicht nur mit Bolts Einzeltiteln über 100 und 200 Meter und dem von Shelly-Ann Fraser über 100, sondern auch mit den Goldmedaillen ihrer beiden Sprintstaffeln. Die US-Amerikaner konnten ihnen gar nichts entgegensetzen, weil Frauen- und Männerstaffel nicht ins Finale kamen. Beinahe konkurrenzlos drehten die Staffeln ihre Runde. Die Jamaikaner haben damit einen Großteil dieser Schlagzeilen selbst produziert, die sportlichen wie am Samstagabend wieder, aber auch ganz andere. Sie drehen sich um Doping und Streitereien.

Sogar die Sportministerin reiste nach Berlin

Nach Berlin war auch Olivia Grange gekommen, die Sportministerin Jamaikas. Sie wollte feiern mit der Mannschaft, nach Bolts Sieg und Weltrekord über 100 Meter reichte sie ihr Mobiltelefon an den Goldmedaillengewinner weiter, der Premierminister Jamaikas war dran und wollte Bolt gratulieren. Olivia Grange wollte aber auch vom Sportsgeist ihres Landes überzeugen. „Es gibt ein Dopingkontrollsystem“, lautete ihre Botschaft, und die genommenen Proben würden auch in anerkannten Laboren getestet. Auch auf ihre Initiative hin sei im vergangenen Jahr in Jamaika ein Gesetz gegen Doping beschlossen und eine Anti-Doping-Agentur eingerichtet worden. Diese Agentur hat offenbar schon erfolgreich eingreifen können. Einige Wochen vor den Weltmeisterschaften waren fünf jamaikanische Athleten beim Dopingtest mit Stimulanzien aufgefallen. Der jamaikanische Leichtathletik-Verband ließ die fünf jedoch laufen. Erst während der WM in Berlin legte die Anti-Doping-Agentur Jamaikas Einspruch gegen ihre Teilnahme ein.

Der zweite Skandal dreht sich nicht um Doping, sondern nur um einen Zwist innerhalb des jamaikanischen Verbands. Trainer Stephen Francis hatte sich mit sechs Athleten in Italien auf die WM vorbereitet, anstatt zum offiziellen Trainingsquartier in Herzogenaurach zu stoßen. Der jamaikanische Verband, ohnehin nicht gut auf Francis zu sprechen, suspendierte die sechs Athleten daraufhin, unter ihnen keine Geringeren als die 100-Meter-Olympiasiegerin Shelly-Ann Fraser und den früheren 100-Meter-Weltrekordhalter Asafa Powell. Eine Weltmeisterschaft ohne sie? Das konnte sich Lamine Diack, der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, nicht vorstellen und überzeugte die Jamaikaner, die Sperre aufzuheben. Wenn Diack nicht eingeschritten wäre, der WM in Berlin wären bedeutende Ereignisse vorenthalten geblieben. Zum einen der Sieg Frasers über 100 Meter. Und die Bronzemedaille Powells über 100 Meter, es war seine erste Einzelmedaille bei einer Weltmeisterschaft. Bis dahin galt er als sensibler Läufer, der nur dann mit schnellen Zeiten zuschlagen kann, wenn keine harte Konkurrenz da ist.

Ihren Erfolg kann man mit Strukturen erklären - oder mit Legenden

Als die WM begann, war jedenfalls wieder Ruhe eingekehrt in die jamaikanische Mannschaft, und die Athleten konnten dem nachgehen, was sie am besten können: schnell sein. Bis zum Samstag gewannen sie sieben Goldmedaillen, genauso viele wie die USA. Ihren Erfolg kann man mit Strukturen erklären, oder mit Legenden. Die Legende ist, dass für Jamaika nun die Nachfahren der freigelassenen Sklaven auf der Laufbahn stehen, rennen, sich behaupten. Trainer Stephen Francis hat der „FAZ“ gesagt: „Menschen von der Westküste Afrikas wurden auf die ganze Welt verschleppt. Aber nur bei Jamaikanern finden sie diesen Grad von Widerstand und Aufmüpfigkeit.“ Etwas besser belegen lässt sich die Geschichte vom Aufbruch aus der Armut. Shelly-Ann Fraser kann sie beispielsweise erzählen, sie sagt, dass sie in einem Ghetto aufgewachsen sei. Francis sagt: „Armut ist ein großer Vorteil im Leistungssport. Auch schlecht ernährte Menschen können sich gut entwickeln.“

Und dann gibt es noch die Strukturen. Ein ausgezeichnetes Sichtungs- und Fördersystem. Regelmäßige Wettkämpfe. Und als einer der Höhepunkte die Carifta Games, die Meisterschaften der karibischen Staaten. So laufen die Jamaikaner fast allen davon, und das auch noch in besonderer Eleganz, mit besonderer Lauftechnik. Kein Wunder, dass einer wie Usain Bolt zu tanzen anfängt, kaum dass er die Ziellinie überquert hat.

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