Sport : Jammern verboten

NAME

Von Claus Vetter

Göteborg. Das Scandinavium liegt im Zentrum von Göteborg. Von außen besticht der in Orangetönen gehaltene Bau durch Siebzigerjahre-Schick, innen ist er wenig komfortabel. Bei Eishockeyspielen weht dem Zuschauer Bierduft um die Nase, die Klappsitze in der 12 500 Zuschauer fassenden Halle mussten schon einiges aushalten. Wenig erinnert dieser Tage im Scandinavium an die Eishockey-Weltmeisterschaft vom Vorjahr, an die modernen Arenen von Hannover und Köln. Die schwedischen Zeitungen meckern viel über schlechte Organisation, zu hohe Eintrittspreise und niedrige Zuschauerzahlen. Trotzdem, spätestens ab Dienstag geht es nur noch um eines: Die schwedische Eishockey-Nationalmannschaft soll bei der WM im eigenen Land den Titel holen.

Auf dem Weg dahin müssen die Schweden heute im Viertelfinale Außenseiter Deutschland aus dem Weg räumen. Eine Mannschaft, die nach zweijähriger Abstinenz bei der A-WM seit einem Jahr immer mehr an die großen Nationen des Eishockeys herangerückt ist und nur zwei von sechs Spielen verlor. Früher, in den Achtziger- und Neunzigerjahren, sorgte die Deutschen ab und zu mal für eine Überraschung. „Mehr war nicht drin“, erinnert sich der ehemalige Nationalspieler Rick Aman. „Bei Spielen gegen die Großen war immer eine knappe Niederlage das Ziel. Eine Mentalität, mit der du nichts erreichen kannst. Heute muss es alles oder nichts heißen. Stell dir vor, die Jungs schaffen das – dann sind sie Helden in der Heimat.“

Von derlei Träumen will Hans Zach nichts wissen. „Um gegen die Schweden zu bestehen, muss schon alles passen“, sagt der Bundestrainer. „Die haben durchweg bessere Spieler als wir.“ Trotz der Tiefstapelei, Zach will gewinnen, immer. Ein Beleg für den Siegeswillen des Bundestrainers war im letzten Spiel der Deutschen in der Zwischenrunde zu beobachten: Beim Stand von 2:2 gegen die USA nahm Zach kurz vor Schluss den Torhüter zugunsten eines sechsten Feldspielers heraus. Seine Vorgänger wären bemüht gewesen, das Unentschieden zu halten.

Diese Mentalität ist Zach fremd: „Ich wollte nicht verlieren, ich wollte gewinnen.“ Mit David Sulkovksy von den Nürnberg Ice Tigers und Tomas Martinec (Iserlohn Roosters) hat Zach zwei Stürmer für das Viertelfinale nachnominiert. Nach dem verletzten Tobias Abstreiter musste gestern Martin Reichel aus familiären Gründen die Heimreise antreten. Zwei Abgänge während des Turniers, dazu neun Absagen davor – noch vor drei Jahren hätte Zach in so einer Situation keine Mannschaft zusammenbekommen. Die gewachsene Auswahl an Nationalspielern ist Beleg dafür, dass in der oft als Ausländerliga diffamierten Deutschen Eishockey-Liga (DEL) immer mehr Deutsche ihren Platz erobert und „Selbstbewusstsein gelernt haben“, sagt Erich Kühnhackl. Ein Selbstbewusstsein, das der ehemalige Nationalspieler früher im deutschen Eishockey manchmal vermisst hat. „Mein Lieblingssatiriker, der Gerhard Polt, hat mal gesagt, der Deutschen liebste Fremdsprache sei das Jammern“, sagt Kühnhackl.

Was die neue Generation von Nationalspielern betrifft, hat Kühnhackl nun ein „Phänomen“ entdeckt: „Die sind einfach gut, und da wird nicht gejammert." In Schweden dafür aber schon. In der Vorrunde der WM verlor die schwedische Mannschaft gegen die Slowakei. Mit Nationaltrainer Hardy Nilsson war schnell ein Schuldiger an der Blamage gefunden. Der lange in Deutschland tätige Coach hat nach Meinung der schwedischen Öffentlichkeit schon die Schmach von Salt Lake City zu verantworten. Bei den Olympischen Winterspielen schieden die Schweden im Viertelfinale gegen Außenseiter Weißrussland aus. Nilsson weiß, was passieren wird, wenn sich Ähnliches heute gegen die Deutschen wiederholt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben