Sport : Jan-Aage Fjörtoft im Interview: "Würde auch ohne Geld Fußball spielen"

Jan-Aage Fjörtoft (33) kickt seit seinem 22.

Jan-Aage Fjörtoft (33) kickt seit seinem 22. Lebensjahr im Ausland. Kürzlich erzielte der Norweger das Siegestor für die Frankfurter Eintracht, die heute Hertha BSC empfängt, beim Spiel gegen Gastgeber FC Bayern München. Im März will Fjörtoft zum norwegischen Erstligisten Stabaek wechseln. Mit Fjörtoft sprach Andreas Kötter.

Herr Fjörtoft, warum sind eigentlich norwegische Fußballer wie Rune Bratseth, Erik Mykland oder auch Sie so nette, aufgeschlossene und vor allem auch charmant-witzige Menschen?

Das liegt vielleicht daran, dass Fußball in Norwegen in erster Linie als Hobby, nicht als Beruf verstanden wird, als etwas, das Spaß machen soll. Diese Mentalität konnten wir uns auch als Profis erhalten und auf das Training und den Wettbewerb übertragen. Das soll aber nicht heißen, dass wir unseren Beruf nicht ernst nehmen.

Bei Ihnen hat man einerseits stets das Gefühl, dass Sie Fußballer aus ganzem Herzen sind, anderseits scheinen Sie durchaus zu wissen, dass Fußball eben doch nicht alles ist.

Das kann man in der Tat so sagen. Ich bin Fußballer durch und durch. Aber man sollte dennoch für sich selbst immer wieder mal den Fußball in Bezug setzen zum großen Ganzen und nicht vergessen, dass es sich eben doch nur um Fußball handelt. Der Fußball hat mich und meine Art nicht verändert, ich habe mir viele Wesenszüge, wie vielleicht meine Direktkeit und meine Intuitivität, seit der Kindheit bewahren können. Es mag sein, dass sich die meisten ändern, wenn sie Profi werden, wenn all die neuen Einflüsse auf einen einstürmen.

...und das große Geld hinzukommt. Auch das scheint Ihnen aber nicht so wichtig. "Erstens, es geht nicht ums Geld", haben Sie zur augenblicklichen Situation in Frankfurt gesagt, "und zweitens, ich will nur raus aus der Dunkelheit."

Ja, Geld ist wirklich nicht alles. Ich würde Fußball auch spielen, wenn ich dafür kein Geld bekommen würde.

Eine ähnlich idealistische Haltung zeigen Norwegens Fußball-Lehrer, wie der ehemalige Nationaltrainer Egil Olsen oder vor allem Trondheims Coach Nils-Arne Eggen. Neuem gegenüber, wie Olsens 4-5-1 System, scheint man in Ihrer Heimat viel aufgeschlossener als in Deutschland zu sein.

Ob 4-5-1 oder 4-3-3, das ist doch letztlich nur eine Frage der Taktik, wo man mit der Verteidigung beginnt. Die Nationalmannschaft hatte Erfolg mit 4-5-1, Rosenborg Trondheim mit 4-3-3. Ich glaube, entscheidend ist, dass wir einfach lockerer sind und nicht so verbissen an die Dinge herangehen. Wer begreift, dass vom Fußball nicht das Weltgeschick abhängt, der spielt besser.

Kein anderes europäisches Land soll mehr Fußball-Legionäre aufweisen als Norwegen. Dabei müssten eigentlich eher Skispringer und Langläufer aus Ihrem Land kommen.

Obwohl Norwegen hervorragende Wintersportverhältnisse bietet, ist Fußball Sportart Nummer eins. Zum einen spielen wir im Winter in Großfeld-Hallen, zum anderen hat sich der norwegische Verband mit den Vereinen bemüht, für die Wintermonate auch Spielstätten in Südeuropa zu organisieren, wo die Klubs für Wochen gegeneinander antreten können. Und die Legionäre bringen natürlich europäisches Fußball-Knowhow in die Nationalmannschaft.

Sind norwegische Fußballer also besser als deutsche, schwedische, holländische usw. oder haben sie einfach den "besseren Fußball-Charakter", wie Günter Netzer meint?

Wenn Günter Netzer das sagt, dann muss da auch etwas dran sein, denn vor seiner Meinung habe ich sehr großen Respekt. Ob wir besser sind, weiß ich nicht, wir sind aber sicherlich, was taktische Dinge betrifft, hervorragend geschult. Norwegen ist nur eine kleine Fußball-Nation. Uns war klar, dass wir den Vorsprung, den große Fußball-Länder wie Deutschland oder England hatten, nur einholen konnten, wenn wir als Kollektiv, als Mannschaft funktionieren würden. Das haben wir erreicht, jetzt befinden wir uns in einer Phase, in der auch die individuellen Qualitäten der Spieler weiterentwickelt werden müssen. Dass bei uns die Entwicklung vielleicht schneller ging als in Deutschland, ist doch nur normal. Ein Land mit einer solch großen Tradition tut sich naturgemäß schwerer, auf Veränderungen zu reagieren.

Ungewöhnlich für einen Fußballer ist auch Ihr Wunsch, später in Ihrem Haus in Norwegen eine eigene Bibliothek zu haben.

Ja, eine Bibliothek möchte ich auf jeden Fall haben. Ich empfinde Bücher als etwas Wunderbares. Ich lese und sammele Bücher, seit ich ein junger Mann bin, und ich habe dadurch ungeheuer viel gelernt und lerne immer noch. Gerade heute habe ich in der Kabine gesagt, dass es mir Leid tut, behauptet zu haben, Deutschland hätte den Ersten Weltkrieg angefangen. Denn ich habe gelesen, dass der Sachverhalt sehr viel differenzierter war.

Ist denn Norwegen nach den vielen Jahren im Ausland noch Ihr Zuhause?

Mit 18 Jahren habe ich mein Elternhaus verlassen, seit ich 22 bin, spiele ich im Ausland, ich bin also lange unterwegs gewesen. Natürlich wird Norwegen in gewisser Hinsicht immer meine Heimat bleiben, dennoch bin ich vor allem Europäer. Ich habe in Österreich gespielt und in England und bin nun seit zwei Jahren bei der Eintracht. Man lernt globaler zu denken, man ist nicht mehr so verhaftet in der eigenen Nationalität.

Sie wollen nach dem Ende Ihrer Karriere beim norwegischen Fernsehen arbeiten, wäre da der schon erwähnte Günter Netzer ein Vorbild?

Ob ich wirklich auf Dauer beim Fernsehen lande, steht noch nicht fest. Es gibt für mich sicherlich auch andere interessante Aufgabenfelder im Grenzland zwischen Fußball und Medien. Was Netzer macht ist klasse, aber ich wäre sicherlich ein bisschen humorvoller. Deshalb sollte mich aber niemand unterschätzen. Sie können es nachschlagen, meine schönsten Sprüche habe ich immer nach guten Spielen gemacht. Genauso habe ich es bei der Europameisterschaft gehalten, als ich für das norwegische Fernsehen als Experte tätig war.

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