Sport : Jan Schlaudraff

Wie der Aachener das Spiel in Berlin erlebte

Til Knipper

Es gibt eine Stelle im Olympiastadion, an der sich Jan Schlaudraff besonders gerne aufhält. Dort, wo sich Mittelkreis und Mittellinie auf der linken Seite treffen, da stellt sich der Stürmer von Alemannia Aachen immer hin, wenn die Hertha im Angriff ist. Den Punkt scheint er als Orientierungsmarke zu brauchen. Von dort startet er seine Laufwege, die am Anfang eher Gehwege sind, wenn seine Mitspieler den Ball erobert haben. Schlaudraff ist einer von diesen Spielern, die erst zum Leben erwachen, wenn der Ball sich in ihrer unmittelbarer Nähe befindet. Dann nimmt er Tempo auf, zeigt mit beiden Händen an, wohin er den Ball haben will.

Gegen Hertha bekommt er gleich in der ersten Minute ein Zuspiel an der linken Außenlinie. Mit dem Ball am Fuß überläuft er seinen Nationalmannschaftskollegen Arne Friedrich, den er vor dem Spiel noch freundschaftlich begrüßt hat, ohne Mühe. Erst Dick van Burik kann ihn kurz vor dem Strafraum mit einem harten Foul stoppen, für das dieser zu Recht die Gelbe Karte sieht. Vier Minuten später legt Matthias Lehmann im linken Mittelfeld Schlaudraff den Ball mit der Hacke auf. Dieser lässt erneut Friedrich, sowie van Burik und Schmidt stehen. Sein Rückpass auf Sturmpartner Uwe Rösler ist aber zu ungenau.

Diese Szene ist beispielhaft für Schlaudraffs gesamten Auftritt in Berlin. Der Jungnationalspieler, einer der Aufsteiger dieser Saison, ist spätestens seit seinem spektakulären Hebertor gegen Werder Bremen in aller Munde. Gegen Hertha aber deutet er sein Können nur an. Die letzte Aktion will oft nicht gelingen, weil er zu kompliziert spielt. Doppelpassversuche mit Rösler scheitern, weil Schlaudraff immer versucht, den Ball entweder halbhoch oder mit der Hacke zurück zu spielen.

Das 0:1 kurz vor der Pause beobachtet der Jungnationalspieler äußerlich unbeteiligt natürlich wieder von seinem Lieblingsplatz am Mittelkreis. Dann treibt er seine Kollegen zur Eile an, während die Berliner noch jubeln. Den Aachener Ausgleich erlebt Schlaudraff auf dem Rasen liegend, weil er kurz davor gefoult wurde. Nach dem erneuten Führungstreffer der Hertha, begünstigt durch einen Fehler von Aachens Torhüter Nicht, wendet sich Schlaudraff kopfschüttelnd ab.

Seine stärkste Szene in der Offensive hat er in der 69. Minute. Da zieht er aus vollem Lauf beim Stand von 2:1 für Hertha aus 20 Metern aufs Tor. Der Ball geht knapp links am Tor vorbei. Seine auffälligste Defensivaktion hat er zehn Minuten vor Schluss. Bei einem Zweikampf an der eigenen Eckfahne kommt er einem Mitspieler zu Hilfe, aber mit seinem Klärungsversuch direkt zu Zecke Neuendorf bereitet er fast das 3:1 der Berliner vor.

Trotzdem beordert ihn Trainer Frontzeck nach der Einwechselung zweier weiterer Stürmer nach hinten. Er sichert nun als Innenverteidiger ab. Sein letzter Volleyschuss nach einer Ecke bleibt in Herthas Abwehr hängen. Schlusspfiff. Schlaudraff bedankt sich bei Schiedsrichter Günter Perl, klatscht die Kollegen ab und verabschiedet sich von Arne Friedrich und dem Mittelkreis.

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