Sport : „Jan Ullrich tut mir Leid“

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Herr Schily, wer wird Deutscher Meister?

Das wird wieder knapp. In der vorigen Saison hatte ich den richtigen Riecher, da saß ich am letzten Spieltag im Dortmunder Westfalenstadion und konnte am Ende Borussia Dortmund zur Meisterschaft gratulieren. Die Endspiele sind in der Regel die interessantesten. Ich war auch am 20. Mai 2000 beim legendären 2:0-Sieg der Spielvereinigung Unterhaching gegen Bayer Leverkusen dabei.

Sie sind ja Unterhaching-Fan.

Das hat sich inzwischen herumgesprochen. Ich bleibe Fan von Unterhaching, obwohl es den Hachingern zurzeit nicht so gut geht. Aber man muss zu seinem Fußballverein auch in schlechten Zeiten stehen. Wir waren natürlich aus dem Häuschen, dass damals die Hachinger den hohen Favoriten Leverkusen sozusagen in letzter Minute noch aus dem Rennen um die Meisterschaft geworfen haben. Die Sportfunktionäre um mich herum fanden das nicht so lustig. Verständlich, aus Sicht der Leverkusener. Für den damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun war es ein richtiges Drama, mit der Meisterschale dazusitzen und sie nicht überreichen zu können.

Dürfen Sie denn als Politiker auf der Ehrentribüne überhaupt Emotionen zeigen?

Ja, warum denn nicht? Fußball ist ein sanguinischer Sport, die Fans schwanken zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Ich war selbst lange Fußballer, habe in einer Freizeitelf als linker Verteidiger und als Torwart gespielt. Die Fußballbegeisterung bleibt. Und wenn es richtig spannend wird, hält es mich halt auch nicht auf dem Sitz. Auch Politiker dürfen Fußball-Fans sein.

Besonders im Wahlkampf . . .

Ich nehme an, Sie spielen auf das Finale der Fußball-WM in Japan an. Da waren viele Repräsentanten aus Deutschland dabei – aus der Politik, aus der Wirtschaft und aus anderen Bereichen. Was ist dagegen einzuwenden, dass wir einen sportbegeisterten Bundeskanzler haben? Dass nun der Kandidat Stoiber auch noch aufs Bild wollte, ist seine Sache. Aber ich finde, es ist nichts daran auszusetzen, dass einige Politiker beim Endspiel unserer Mannschaft dabei sein wollten. Für mich als Sportminister war das nie eine Frage, und ich habe auch keine Kritik gehört. Zumal unser Land ja in vier Jahren WM-Gastgeber ist.

Was kann Deutschland für die WM 2006 von Asien lernen?

Die Japaner haben die Logistik gut organisiert, abgesehen vom Ticketverkauf. Aber das ist ja wohl eher eine Angelegenheit einer privaten Firma, die die Fifa beauftragt hatte. Auch das Sicherheitskonzept hat allem Anschein nach gut funktioniert. In vier Jahren kommt es darauf an, dass wir uns als weltoffenes , modernes und fröhliches Land präsentieren. Deutschland hat sich verändert. Wir sind freier und unbefangener geworden. Das können wir 2006 allen zeigen.

Und deshalb saniert der Bund jetzt die Stadien in Berlin und Leipzig?

Wir brauchen gute Stadien – im Westen wie im Osten Deutschlands. Der Bund unterstützt in sehr großzügiger Weise die Länder und Kommunen. Die Hauptstadt benötigt schon lange eine moderne Arena. Und Leipzig ist inzwischen wieder eine bedeutende Sportmetropole. Das hat sich beim Deutschen Turnfest gezeigt. Für mich war das eines der schönsten Erlebnisse als Sportminister. Da gab es keine militärisch anmutenden Turnparaden mehr, sondern ein heiteres, unbeschwertes Fest mit ausdrucksstarken künstlerischen Vorführungen. Das war wirklich sehr eindrucksvoll. Wir fördern den Spitzensport, und die Investitionen kommen auch dem Breitensport zu Gute. Das ist unser Konzept, und es funktioniert.

Es scheint so, als wolle der Bund beim Sport immer mehr Länderaufgaben übernehmen.

Man kann doch wohl nicht ernsthaft kritisieren, dass wir einen „Goldenen Plan Ost" aufgelegt haben, um die Sportstätten in den östlichen Bundesländern zu sanieren und neu aufzubauen. Die rot-grüne Regierung kümmert sich eben sehr engagiert um den Sport. Das heißt aber nicht, dass wir alle Kosten übernehmen können. Für den Breitensport sind die Länder zuständig. Wir können nicht einspringen, wenn Länder ihre Sportausgaben kürzen. Das gilt auch für Berlin. Berlin muss seine Probleme schon alleine lösen.

Die Opposition kritisiert die Förderung des Spitzensports durch den Bund. Andere Staaten wären uns weit voraus.

Die Opposition fordert unentwegt mehr Staatsausgaben, schweigt sich aber darüber aus, woher das Geld kommen soll, zumal sie gleich noch ins Blaue hinein weitere Steuersenkungen verspricht. Diese Damen und Herren haben uns mit einer Schuldenlast von rund 750 Milliarden Euro völlig zerrüttete Finanzen hinterlassen. Für diese Schulden müssen wir jährlich 42 Milliarden Euro Zinsen zahlen. Die Opposition hat jegliche Glaubwürdigkeit verloren, was die Haushaltspolitik angeht. Im Übrigen: Wenn man die Sportförderung der alten und der neuen Regierung vergleicht, kann man leicht erkennen: Unsere Sportförderung ist gegenüber den Jahren 1994 bis 1997 um 17 Prozent gestiegen. Wir haben für den Sport von 1998 bis 2001 mehr als 790 Millionen Euro aufgebracht, und wir halten die Sportförderung auf hohem Niveau. Den Staatshaushalt zu sanieren und zugleich den Sport auf hohem Niveau zu fördern, ist eine herausragende Leistung. Das wird auch vom Sport anerkannt. Von vielen Sportlern erhalten wir deshalb auch Post mit einem Dankeschön.

Ach was.

Ja, und natürlich freue ich mich darüber.

Aber das Geld fehlt überall. Die neu gegründete Nationale Anti-Doping-Agentur hat nicht mal genügend Stiftungskapital zum Überleben.

Das stimmt nicht. Aber wir brauchen noch mehr Unterstützung, damit die NADA langfristig alle ihr zugedachten Aufgaben voll erfüllen kann. Die Länder und die Wirtschaft müssen ihre Beiträge erhöhen. Der Bund hat mit mehr als fünf Millionen Euro den größten Anteil am Stiftungskapital bereitgestellt. Ich hoffe, dass sich die Wirtschaft noch stärker beteiligt, zuallererst aus ideellen Gründen. Sport ist für die Wirtschaft auch ein wichtiger Werbefaktor. Zur Werbung taugt aber nur ein sauberer Sport.

Und die Sportverbände?

Der Deutsche Sportbund bekämpft Doping ebenso entschieden wie wir. Die Anti-Doping-Kommission unter Professor Ulrich Haas hat hervorragend gearbeitet. Aber für eine wirksame Dopingbekämpfung ist eine selbstständige und unabhängige Agentur geeigneter. Das Doping muss frei von jeglicher Einflussnahme und von möglicherweise gegenläufigen Interessen bekämpft werden.

Herr Schily, wann kommt das Anti-Doping-Gesetz, das die bisherigen gesetzlichen Regelungen zusammenfasst und den sportlichen Betrug unter Strafe stellt?

Sie kennen meine Auffassung: Ich bin skeptisch, ob ein solches Gesetz erforderlich ist. Wenn ein Sportler Dopingmittel konsumiert, schadet er vor allem sich selbst. Selbstschädigung kann man nicht bestrafen. Ich kann ja auch niemanden dafür bestrafen, der als Raucher oder als Workaholic seine Gesundheit ruiniert.

Aber ein dopender Sportler schadet nicht nur sich selbst, sondern auch den anderen Wettbewerbern.

Ja, das ist der Kern des Problems. Ein Sportler, der dopt, verhält sich extrem unfair, er versucht, sich im Wettbewerb einen betrügerischen Vorteil zu verschaffen. Deshalb muss der Sport entsprechend harte Sanktionen verhängen. Wenn ein Athlet für zwei Jahre gesperrt wird, trifft ihn das schlimmer als eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Die Verabschiedung eines Anti-Doping-Gesetzes steht immerhin im SPD-Wahlprogramm.

Ich weiß, aber deshalb bleibt es dennoch erlaubt, das Für und Wider abzuwägen. In der nächsten Legislaturperiode wird das Thema sicherlich wieder auf die Tagesordnung kommen. Und dann werden wir sicherlich auch genauer wissen, ob die Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes im Zusammenhang mit der Dopingbekämpfung ausreichen oder nicht. Im Übrigen sollte auch bedacht werden, dass das Ergebnis eines Anti-Doping-Gesetzes auch sein könnte, dass sich der Sport für das Thema Doping nicht mehr verantwortlich fühlt. Vater Staat sollte nicht alles regeln. Wir können nicht auf der einen Seite auf die Autonomie des Sports setzen und ihn andererseits aus der Verantwortung nehmen.

In Italien und Spanien machen die Staatsanwaltschaften Jagd auf Dopingsünder, bei der Tour de France wurden sogar die Fahrerlager nach verbotenen Substanzen durchsucht – mit Erfolg.

Wir haben gute und zahlreiche Wettbewerbs- und Trainingskontrollen. Deutschland steht im Kampf gegen Doping an der Spitze. Der Fall Jan Ullrich zeigt, wie eng die Kontrollen sind. Außerdem der Klarheit halber: Auch bei uns sind Durchsuchungsmaßnahmen möglich, jedoch der Staatsanwaltschaft muss ein begründeter Verdacht auf einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz vorliegen. Ohne Anfangsverdacht, etwa auf Grund eines Hinweises wie im Fall der Tour de France, kann die Staatsanwaltschaft nicht tätig werden.

Ist Jan Ullrich, der ja nun den Konsum von Amphetamin-Tabletten eingestanden hat, ein Dopingfall?

Für mich ist der Fall nicht so gravierend. Ich sehe das so, dass sich da ein junger Mann in einer depressiven Phase falsch verhalten hat. Zum Aufputschen seiner Leistungen hat er die Pillen sicher nicht genommen. Als Innenminister billige ich solch ein Verhalten nicht, ich bin sehr entschieden gegen die Einnahme von Ecstacy und anderer Party-Drogen. Die Verfehlung hat für den Sportler Jan Ullrich Konsequenzen. Aber wegen eines Ausrutschers sollte man nicht den Stab über einen jungen Menschen brechen, der in einer Krise steckt. Jan Ullrich ist ein sympathischer Sportler, dem wir die sportliche Karriere nicht verbauen sollten.

Immerhin ist Ullrich ein Vorbild. An ihn werden andere Maßstäbe angelegt, er trägt Verantwortung für den deutschen Radsport.

Die Maßstäbe, die an junge Spitzensportler angelegt werden, sind vielleicht doch etwas überzogen. Ich kann einen jungen Mann, der als Idol hochgejubelt wird und der damit nicht klarkommt, nicht verdammen, wenn er einmal eine kleine Schwäche zeigt. Solch eine Wegwerf-Mentalität von jungen Sportlern im Spitzensport finde ich entsetzlich.

Eine sehr weiche Einstellung.

Eine menschliche. Jan Ullrich tut mir Leid.

Als Sportminister wollen Sie kein Hardliner sein?

Doch, hinsichtlich Doping bin ich ein Hardliner. Es ist kein Widerspruch, wenn ich im Fall Ullrich ausnahmsweise für Milde plädiere. Für mich ist Sport im Übrigen in gewisser Weise Teil der inneren Sicherheit. Sportschulen und Sportvereine sind sehr wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sport hat deshalb auch eine nicht zu unterschätzende kriminalpräventive Bedeutung. Ich bin nicht zuletzt aus diesem Grunde froh darüber, dass der Sport zu meinem Ressort gehört. Von einem eigenständigen Sportministerium halte ich nichts.

Wie viele Stunden pro Tag beschäftigen Sie sich mit dem Sport?

Ich führe darüber kein Buch. Mein Terminkalender ist jedenfalls voll von sportlichen Begegnungen. Aber zugegeben, 50 Prozent meiner Zeit nimmt die Sportpolitik nicht ein.

Lesen Sie morgens den Sportteil der Zeitungen?

Nun, als erstes lese ich natürlich die politischen Nachrichten. Aber dann schaue ich auch nach, was in der Sportpolitik und in meinen Lieblingssportarten los ist: Fußball, Volleyball und Schach. Früher habe ich die Schach-Notationen nachgespielt.

Spielen Sie auch Schach am Computer?

Ich habe alle wichtigen Programme gekauft und mir die CDs in den Laptop geschoben. Aber inzwischen bin ich wieder etwas davon weggekommen. Man korrigiert sich dauernd. Ich schätze eher die Partie am Brett.

Sie spielen lieber mit Freunden?

Ja, wenn es die Zeit erlaubt. Einer meiner regelmäßigen Mitspieler war früher belgischer Jugendmeister. Ich habe lieber stärkere Gegner, da freut man sich mehr über Siege. Ich habe auch mal gegen Garri Kasparow gespielt, und er hat 30 Züge gebraucht, um mich zu schlagen.

Darauf sind Sie noch heute stolz?

Natürlich. Gegen einen Großmeister habe ich auch schon mal gewonnen, eine sehr einfallsreiche Partie war das. Aber dann war ich von meinem Erfolg so überwältigt, dass ich die nächsten Spiele alle verloren habe. Ich habe richtige Anfängerfehler gemacht – die Dame einfach auf ihrem Feld stehen lassen und so etwas. Reden wir lieber nicht davon.

Das Gespräch führte Robert Ide.

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