Sport : Jan Ullrich zeigte am Abantos Schwächen - doch er büßte nur wenig ein

Hartmut Scherzer

Erschöpft stieg Jan Ullrich vom Rad. Nur der Goldring am linken Ohr strahlte. Der Mann hatte gekämpft, sich gequält und das Goldtrikot der Vuelta im "Fegerfeuer der Sierras", wie die Zeitung "Marca" die 18. Etappe dramatisierte, behauptet. Ullrich schien am Alto de Abantos zu wanken, aber er fiel nicht und erreichte als Achter das Ziel, 55 Sekunden hinter dem baskischen Tagessieger Roberto Laiseka. Die Zeitverluste durch die massiven Attacken der Spanier waren zu verschmerzen: 18 Sekunden verlor der Star des Teams Telekom gegen den Zweiten Igor Gonzalez de Galdeano (jetzt 31 Sekunden Rückstand). "Der letzte Anstieg hat mich geschlaucht, aber die Abstände blieben in Grenzen", sagte Ullrich. "Ich bin froh, dass es so gelaufen ist."

Der Sieger der 166,3 km langen Bergetappe war ebensowenig wie der Zweite Frank Vandenbroucke (Belgien) eine Bedrohung für das "jersey de oro". Eher schon die drei Nächstplatzierten Jose Maria Jimenez, Roberto Heras und Galdeano. Doch mehr als 34 Sekunden gegen seine drei direkten spanischen Verfolger büßte Ullrich nicht ein.

Über die beiden Berge der Sierra de Guadarrama vor den Toren Madrids hatte der Telekom-Kapitän die volle Unterstützung seiner Mannschaft. "Die Jungs kämpfen wie die Löwen. Jeder gibt dreihundert Prozent", bedankte sich Jan Ullrich bei seinen Helfern. Andreas Klöden führte das geschrumpfte Peloton ganz allein, ohne Ablösung, den Puerto de Cotos (2. Kategorie) hinauf, 30 Kilometer lang, wie vorher Alex Zülle (Banesta) den Puerto de la Morduera (1. Kategorie). Jörg Jaksche hatte stets Ullrich am Hinterrad. Rolf Aldag gesellte sich bei der Abfahrt zur Spitze. In dem wieder in beachtlicher Form fahrenden Belgier Vandenbroucke fand Ullrich einen Verbündeten gegen die spanische Armada. Auch die angeschlagenen Telekom-Fahrer Ralf Grabsch (Steißbeinprellung) und Danilo Hondo (Sehnenreizung in der linken Kniekehle) ließen ihren Chef nicht im Stich. Zülle vor Ullrich und Vandenbroucke als tempobolzendes Trio - so begann in der berühmten Klosterstadt San Lorenzo de el Escorial das Finale, der 13,3 km lange Anstieg zum Abantos (1650 Meter, 5,6 Prozent durchschnittliche Steigung). Dann passierte, was der Deutsche bei seinem sensationelen Comeback immer insgeheim befürchtet hatte: Momente der Schwäche. Aber nur Momente, erstmals sieben Kilometer vor dem Ziel. Kein Einbruch. Ullrich erholte sich auf einem flachen Zwischenstück, fand wieder Anschluss und kämpfte verbissen an den steilsten Stellen gegen die Attacken der Spanier. Der Tritt wurde erstmals auf den letzten zwei Kilometern schwerer. Doch zusammen mit Tonkow kämpfte sich Ullrich ins Ziel. "Ullrich hat nicht viel verloren und heute gezeigt, dass er ein Champion ist", applaudierte Galdeano.

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