Sport : Jancker statt Romantik

Wie Rudi Völler die Nationalmannschaft führt

Stefan Hermanns

Castrop-Rauxel. Es war eine beruhigende Botschaft, die Rudi Völler der beunruhigten Nation mitteilen konnte. Obwohl eine ganze Reihe von Nationalspielern verletzt, krank oder angeschlagen ist, obwohl Christian Ziege und Dietmar Hamann ihre Beteiligung am Freundschaftsspiel gegen Holland am Mittwoch (20 Uhr, live im ZDF) absagen mussten, ist beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) noch nicht blinde Verzweiflung ausgebrochen. Bei Bedarf will Völler, der Teamchef der Nationalmannschaft, entscheiden, welcher Spieler nachgeladen werde, und das „völlig unaufgeregt". So wie Völler eigentlich immer völlig unaufgeregt ist. Völlig unaufregend sind auch die Namen der möglichen Nachrückkandidaten. Fabian Ernst gehört dazu, Ingo Hertzsch, vielleicht Tim Borowski. Fredi Bobic jedenfalls nicht.

„Man kann nicht immer machen, was die Öffentlichkeit fordert“, sagt Rudi Völler. „Ich muss meinen Weg gehen.“ Seitdem Völler vor zwei Jahren das Amt übernommen hat, geht er auf diesem Weg – und seitdem hat er damit beim großen Publikum schon häufiger Verwunderung ausgelöst: Warum hat Völler nach der verkorksten EM 2000 nicht einen Neuanfang mit unbelastetem Personal gewagt? Warum hat er Carsten Jancker mit zur WM genommen, und nicht Martin Max, den Torschützenkönig der Bundesliga? Wieso hat er für das Spiel gegen Holland nicht Fredi Bobic nominiert, sondern – wieder – Jancker, der am Wochenende zum ersten Mal seit 18 Monaten ein Tor erzielt hat? Völler ist wegen all seiner Entscheidungen eine Anhänglichkeit nachgesagt worden, die schon fast an Selbstaufgabe grenzt. Dabei steckt weit mehr hinter seiner Personalpolitik: System nämlich.

Die Elf der Besten oder die beste Elf?

Es ist eine romantische Vorstellung des gemeinen Fußballfans, dass die Nationalmannschaft die besten Fußballer eines Landes zu vereinen habe. Fußballtrainern aber steht nur selten der Sinn nach Romantik. Für Völler geht es um eine Grundsatzfrage: Soll die Nationalmannschaft die Elf der Besten sein oder die beste Elf? Wäre sie die Elf der Besten, dann müsste gegen Holland Fredi Bobic spielen, der in neun Bundesligaspielen acht Tore geschossen hat. Das Problem aber ist, dass beim nächsten Länderspiel vielleicht schon Markus Schroth zur Nationalmannschaft gehören müsste oder Benjamin Lauth oder Kevin Kuranyi, je nachdem, wer gerade in den Wochen vor der Nominierung die meisten Tore geschossen hat. Das Seltsame ist, dass Völler eigentlich nie Trainer einer Vereinsmannschaft werden wollte, dass er aber jetzt als Bundestrainer versucht, die Nationalmannschaft wie eine Vereinsmannschaft zu führen. Dazu gehört eine gewisse personelle Kontinuität, die nicht von kurzzeitigen Formschwankungen abhängt.

Das Unverständnis der Nation

In der Außendarstellung entstehen für Völler aus seiner Vorgehensweise zwar einige Probleme, wenn wie jetzt im Fall Bobic das gesammelte Unverständnis der Nation auf ihn einstürzt; dafür erleichtert sie ihm die alltägliche Arbeit mit seiner Mannschaft. Völler muss nicht vor jedem Länderspiel bei null anfangen, was Taktik, System und Spielverständnis betrifft. Er kann auf Strukturen aufbauen, die sich im Laufe der Zeit gebildet haben, vielleicht sogar auf Automatismen, die sich eingeschliffen haben.

Fredi Bobic, so hat Völler in der aktuellen Situation zu bedenken gegeben, sei nur dann erfolgreich, wenn das gesamte Angriffsspiel auf ihn zugeschnitten werde. Hätte der Teamchef Bobic nominiert, hätte er sein Problem mit der Öffentlichkeit zwar gelöst – sich aber auch zugleich ein neues geschaffen: Welcher Stürmer passt zu Bobic? Bei dem bewährten Angriffsduo Klose/Jancker weiß Völler zumindest, dass die Summe größer ist als die einzelnen Teile: Klose und Jancker ergänzen sich durch ihre Spielweise Gewinn bringend, auch wenn jeder für sich im Moment nicht gerade nationalmannschaftswürdig spielt.

Die Frage ist nur, wie das alles dem Publikum vermittelt werden kann. Carsten Jancker ist selbst auf deutschem Boden nicht mehr gut gelitten. Ob er Pfiffe der Zuschauer in Gelsenkirchen fürchte, wurde Rudi Völler gestern gefragt. „Je mehr man darüber spricht, desto wahrscheinlicher wird es dazu kommen“, sagte er. So spricht er lieber davon, dass für Bobic noch nicht alles verloren sei. Im neuen Jahr beginne eine neue Zeitrechnung, „dann wird auch Fredi Bobic seine Chance bekommen, wenn er so weitermacht". Aber wer weiß schon, ob er so weitermacht?

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