Janne Ahonen : Auf dem Rückflug

Janne Ahonen springt bei der Vierschanzentournee zurück ins Rampenlicht. Vor dem Rücktritt von seinem Rücktritt führte er ein Leben zwischen Hungerkuren und Alkoholexzessen

Benedikt Voigt[Oberstdorf]
262866_3_xio-fcmsimage-20090310230134-006000-49b6e33eb4e96.heprodimagesfotos85120090311ahonen2.jpg Foto: AFP
Wieder in Vorlage. Janne Ahonen fliegt erneut von den Schanzen dieser Welt. -Foto: AFP

Der Mann liegt zwar nur auf Platz 15 im Gesamtweltcup, trotzdem ist er in Oberstdorf in diesen Tagen nicht zu übersehen. Vor der Ortseinfahrt wirbt ein überdimensionales Plakat mit seinem Gesicht, oder besser, mit dem, was Skisprunghelm und -brille von seinem Gesicht sehen lassen. Im Kurhaus wiederum wachsen ihm Flügel unter den Armen, auf einem weiteren Plakat, das unter der Überschrift „Bestseller!“ auf eine Buch-Signierstunde mit ihm hinweist. Und schließlich wird die Nummer 15 des Weltcups auf der Auftaktpressekonferenz länger und mehr gefragt als die aktuelle Nummer zwei. Die Rückkehr des Janne Ahonen ist d i e Geschichte vor dem Auftaktspringen der Vierschanzentournee am Dienstag, nur für einen nicht. „Das ist vielleicht für die Medien etwas Besonderes, aber nicht für mich“, sagt Janne Ahonen.

Der 32 Jahre alte Finne Janne Ahonen ist der erfolgreichste Springer des vergangenen Jahrzehnts. 36 Weltcupsiege hat er erreicht, fünfmal hat er die Vierschanzentournee gewonnen, im März 2008 ist er zurückgetreten. Warum er in dieser Saison wieder springt, hat einen einfachen Grund. „Ich habe in meiner Auszeit die Motivation zurückgewonnen“, sagt er im Kurhaus Oberstdorf, „ich mag es wieder, so weit zu springen wie möglich.“ Zudem kann er in dieser Saison ein Ziel erreichen, das ihm in seiner 16 Jahre langen, erfolgreichen Karriere nicht vergönnt war: eine olympische Einzelmedaille. So konkret will er das am Sonntagabend aber nicht sagen. Ahonen hat sich kaum verändert, nur die Haare trägt er inzwischen zum Zopf gebunden, doch die Fragen der Journalisten beantwortet er zurückhaltend wie immer. Er sagt:„Die Olympischen Spiele sind neben der Vierschanzentournee der Höhepunkt der Saison für mich.“

Zumindest bei der Vierschanzentournee aber stehen die Chancen des Finnen auf einen Gesamtsieg nicht so gut. „Ich glaube nicht, dass er gewinnen kann“ sagt der deutsche Bundestrainer Werner Schuster, „die Favoriten Gregor Schlierenzauer und Simon Ammann zu überholen, das wäre ein größeres Husarenstück als seine fünf Tourneesiege zusammen.“ Andererseits spricht die große Erfahrung für ihn. „Es wird schwierig, aber im Skispringen kann alles passieren“, sagt Janne Ahonen. Bisher steht als bestes Resultat in diesem Winter ein neunter Platz in Lillehammer zu Buche. „Ich hatte Probleme mit meiner Gesundheit“, erklärt er. Nach Kuusamo hatte er 40 Grad Fieber und benötigte einige Wochen, um sich davon zu erholen. „Jetzt sollte alles okay sein“, sagt der ruhige Finne.

Immerhin hat der zweifache Vater in diesem Jahr die Öffentlichkeit gleich zweimal überrascht. Erst verkündete er im Frühjahr seine Rückkehr, dann präsentierte er mit „Königsadler“ eine überrascht offene Autobiographie. Darin zerstört er das Bild vom schweigsamen, braven Familienvater und zeichnet ein Sportlerleben zwischen Alkoholexzessen und Hungerkuren.

So hat er vor dem letzten Weltcupspringen in der Saison 2004/05 mit seinem Teamkollegen Risto Jussilainen auf dem Hotelzimmer 24 Bierdosen geleert. Am nächsten Tag traten sie schwer angeschlagen auf der Skiflugschanze von Planica an. Völlig verkatert flog Janne Ahonen auf 240 Meter. Was Weltrekord gewesen wäre – wäre er nicht spektakulär gestürzt. Anschließend weigerte er sich, ins Krankenhaus gefahren zu werden, weil die Ärzte große Mengen Restalkohol im Blut festgestellt hätten.

Zudem beschreibt er in dem Buch jene Diät, mit der er sich Wochen vor Saisonstart auf Wettkampfgewicht bringt: morgens und abends Müsli mit fettarmen Joghurt, mittags überhaupt nichts. Dazu entwässert er mit Kaffee. Auf diese Weise habe er sich einmal von 73 auf 65 Kilogramm heruntergehungert, schreibt er. „Ich habe jetzt wieder fast dasselbe wieder gemacht wie im Buch“, sagt Janne Ahonen. Weil er diese Hungerkuren nicht mag, spricht er sich für eine Erhöhung des Body-Mass-Index für Skispringer aus, der ein Mindestgewicht im Verhältnis zur Körpergröße vorschreibt.

Eigentlich aber ist Janne Ahonen die Gewichtsdiskussion unangenehm, die er mit seinen Schilderungen im Buch ausgelöst hat. Als er sich zum Comeback entschieden hatte, war das Buch längst geschrieben. Inzwischen gibt Ahonen zu: „Ich würde ganz gerne ein paar Kapitel rausstreichen.“ Doch dafür ist es jetzt zu spät.

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