Sport : Japans Fußballer: Eine Popgruppe auf dem Weg zur Weltmacht

Martin Hägele

Es passiert nicht oft, dass Fußballtrainer in Pressekonferenzen Beifall bekommen. Erst recht, wenn ihr Team verloren hat. Und man weiß auch nicht, ob all die Japaner Philippe Troussier hinterhergeklatscht hätten, wenn am nächsten Morgen eine Jumbo-Brücke von Brisbane bis Tokio die Mannschaft und ihre Anhänger heimtransportiert hätte. So aber fliegt die größte Fan-Kolonne der Olympischen Spiele 2500 Kilometer weiter nach Adelaide zur nächsten Party gegen die USA. Und Nippon dankte einer Mannschaft aus Europa. Der 2:1-Sieg der Slowakei über Südafrika sorgte für klare Verhältnisse in der Vorrundengruppe D: erster Brasilien mit sechs Zählern und einem Tor Vorsprung vor den punktgleichen Japanern. Beide stehen im Viertelfinale, und Troussier findet, seine Spieler hätten schon jetzt eine Medaille verdient.

Das unerwartete Resultat aus Canberra hat auch das zweite Drama verhindert, das von der Regie so schön vorgeschrieben worden war. Dass es sich nicht zur brasilianischen Schicksalsgeschichte entwickeln würde, dafür hatte Kapitän Alex mit einem Kopfballtor schon nach fünf Minuten gesorgt. Trotzdem gab es noch ein paar Momente, in der die großen Favoriten schwer unter Druck gerieten. Man weiß nicht, was dabei vorm inneren Auge von Wanderley Luxemburgo vorgegangen ist. Sah er schon die Puppen mit seinem aufgemalten Porträt und dem Strick um den Hals in den Straßen von Rio hängen? Jener makabre Akt, der Trainern gilt, welche die Hoffnungen der brasilianischen Fans enttäuschen.

"Fußball ist Kultur in Brasilien", hat der Coach der kleinen "Selecao" gesagt, als er gefragt wurde, ob er im Fall der Niederlage mit der Kündigung durch den Verband gerechnet habe. "Und alle 90 Minuten dreht sich in diesem Land deshalb die Geschichte". Von Luxemburgo wird nicht mehr verlangt, als die Goldmedaille mitzubringen, die einzigen Trophäe, die dem Land des viermaligen Weltmeisters bislang fehlt. Dann hätte der Cheftrainer, dessen Star-Team um Rivaldo mit ungewohnten Problemen durch die kontinentale WM-Qualifikation stolpert, ein Stück mehr Ruhe.

Das große Turnier in knapp zwei Jahren wirft jetzt schon Schatten auf die Fußball-Bühne. Luxemburgo und ein paar aus seiner Nachwuchs-Elite werden diese Japaner wiedersehen. Wenn nicht sogar im weiteren Verlauf des olympischen Wettbewerbs, dann eben in der weiteren Zukunft und ganz bestimmt auf ihrer Insel. "Ich kann Japan nur gratulieren zu diesem hervorragend ausgebildeten Team", sagte Luxemburgo, "fast alle sind erstklassige Techniker".

Das waren nicht nur Höflichkeitsfloskeln an den nächsten WM-Gastgeber. Über Fußballer aus Japan wird sich kein Mensch mehr lustig machen. Die sehen auch nicht mehr aus wie brave Bürohengste, die man in ihren Anzügen nicht voneinander unterscheiden kann. Die neue Generation japanischer Kicker entschuldigt sich nicht länger nach jedem Foul beim Gegenspieler oder verbeugt sich vorm Schiedsrichter, sobald der die Gelbe Karte zieht.

Diese japanische Mannschaft könnte auch eine Popgruppe sein. Fast alle tragen schrille Frisuren, und Spiel heißt für sie Kampf. "Die Leute sollen sehen, dass Japan nicht nur Spieler hat, die tolle Atheten sind und rennen können bis zum Umfallen", sagt Troussier. "Diese Mannschaft hat auch das Spiel im Kopf". Und die Aggressivität dieser Jungen strahlt aus. Die körperlich überlegenen Brasilianer wurden immer nervöser. Wenn die anfangen mit ihren Gegenspielern zu rangeln, dann zeigt das, dass sie Respekt haben. Wenn nicht gar Angst.

Japaner, die Angst machen können. Deshalb sind die Anhänger so stolz. Deshalb reisen sie ihnen hinterher. 15 000 aus Yokohama, Osaka, Hiroshima, dazu kommen über 10 000 Australo-Japaner. "Die Straße zu ihrer Bestimmung" steht in den Katalogen des Verbandes, wobei damit ursprünglich Olympia gemeint war. Noch immer gilt der Gewinn der Bronzemedaille 1968 in Mexiko als größter Erfolg der Fußballgeschichte - und den sollen die ehemaligen Junioren-Vizeweltmeister jetzt wiederholen.

Troussier aber denkt anders. Und er sieht die Entwicklung der vergangenen zwei Jahre. Japan befindet sich auf dem Weg zu einer Macht im Fußball. Und er weiß auch schon, wann es soweit ist. "Ihren Höhepunkt wird diese Mannschaft bei der WM 2006 in Deutschland haben". Dann ist Nakamura, der mit seinen Tricks und Pässen an den jungen Wolfgang Overath erinnert, 27 Jahre alt. Und Inamoto, der die Power eines Guido Buchwald ins Mittelfeld bringt, ist 26.

Es sind mehr als nur die Träume eines Visionärs. Nippon glaubt an seine jungen Fußballspieler. All die Jungs und Mädchen, die ihre letzte Nacht in Brisbane feierten, sahen aus, als freuten sie sich auf die Zukunft. Nur noch ein Tor weg von Brasilien.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben