Sport : Jede Menge Glück

Klaus Rocca

Die Glückwünsche schienen Jürgen Röber irgendwie peinlich zu sein. Wer hätte ihm das verdenken wollen? Nach solch einem Spiel, in dem die von ihm trainierten Hertha-Fußballer jede Menge Glück gehabt hatten. Da würde man sich am liebsten schnell verdrücken. Der Auftritt von Hertha BSC im Zweitrundenspiel des DFB-Pokals war eines Bundesligisten unwürdig, auch wenn die Profis aus Berlin zuletzt arg strapaziert worden waren. Doch dass sie sich gegen Rot-Weiß Erfurt, den Tabellensechsten der Regionalliga Süd, so würden quälen müssen - das hatte man von ihnen nicht erwartet. Am Ende sprang ein höchst glücklicher und unverdienter 2:1-Sieg nach Verlängerung heraus. Wenn heute Abend die Lose fürs Achtelfinale im DFB-Pokal gezogen werden, sind die Berliner also noch dabei. Dank Pal Dardais entscheidendem Treffer in der 92. Minute. Vor allem aber dank jeder Menge Glück.

Und dank Christian Fiedler. Herthas Torhüter, wieder als Ersatz für Gabor Kiraly eingesprungen, machte seine Sache blendend. Inzwischen meinen viele, Röber komme an Fiedler auch dann nicht vorbei, wenn Stammkeeper Kiraly wieder fit ist. Doch Röber hat bereits unmissverständlich Stellung bezogen: "Gabor bleibt unsere Nummer 1."

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Fiedler war gestern nicht der Einzige, der normalerweise nicht in der Stammelf spielt. Es fehlten außer Kiraly Deisler, Rehmer, Konstantinidis, van Burik, Simunic, Preetz und Marcelinho, erst nach der Pause kamen Alves, Goor und Dardai. Der Anfangssturm mit Pinto, Daei und Neuendorf war nicht unbedingt dazu angetan, dem Gegner Furcht einzuflößen.

Doch auch eine Hertha-Reserve darf sich von einem Drittligisten nicht so den Schneid abkaufen lassen. Vor allem dann nicht, wenn sie auch noch wie gestern durch Stefan Beinlich bereits nach 45 Sekunden in Führung geht. Anstatt das Spiel mit Routine zu bestimmen, kassierte Hertha kurz vor der Pause durch einen Kopfball von Ronny Hebestreit den Ausgleichstreffer. "Hätten wir nach dem 1:0 die vielen Chancen genutzt, wäre das Spiel früh entschieden gewesen. So aber haben wir es uns selbst schwer gemacht", sagte der sichtlich erleichtete Röber.

In den Phasen totaler Konfusion in der Hertha-Abwehr musste Röber bange Minuten durchstehen. Von der 65. bis zur 75. Minute war seine Mannschaft völlig von der Rolle: Raspe lief allein auf Fiedler zu und hob den Ball übers Tor, Schmidt köpfte an den Pfosten des eigenen Tores, Loose schoss an die Latte, und Fiedler klärte in höchster Not bei einem Schuss von Fuchs. Die gerade mal 6220 Zuschauer im 19 000 Besucher fassenden Steigerwald-Stadion konnten so viel Pech für ihre Mannschaft kaum fassen. Animiert wurden sie zudem durch den Stadionsprecher ("Gebt noch mal richtig Gas") und die Anzeigetafel ("Fans, macht Power").

Als dann Dardai nach glänzender Vorbereitung von Michael Hartmann den Treffer zum 2:1 erzielt hatte, glaubten einige wohl, die Erfurter könnten sich nun für das Punktspiel am Sonnabend gegen den Tabellenführer Wacker Burghausen schonen. Weit gefehlt. In Herthas Strafraum spielten sich weiterhin hoch brisante Szenen ab, sogar Erfurts Torwart Rene Twardzik nahm am Sturmlauf seiner Mannschaft teil. Dass in dieser Phase einige Herthaner bei Kontern gar nicht mehr zurückliefen, sagt einiges über ihre derzeitige körperliche Verfassung. Der tiefe Boden forderte zusätzlich seinen Tribut. Alex Alves, zur Pause eingewechselt, musste schon vor dem Schlusspfiff wieder vom Platz. "Er hat nach der langen Pause nur für eine Halbzeit Luft", sagte Röber. Er hätte auch sagen können: Alves hat in 45 Minuten auf dem Platz nichts Vernünftiges gemacht.

Doch damit unterschied er sich kaum von den meisten seiner Mannschafskameraden. Ein Glück nur, dass es nun einige Tage Pause gibt, bevor es am Sonntag gegen den neuen Weltpokalsieger Bayern München geht. Ein bisschen Ruhe scheinen die Herthaner dringend nötig zu haben. "Ich bin froh, dass wir nun mal einige Tage zu Hause bleiben", sagte Torhüter Fiedler. Er wenigstens durfte an diesem trüben Nachmittag erhobenen Hauptes vom Platz gehen.

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