Sport : „Jede Wette: Wir werden mindestens Fünfter“

Vor dem Start der Rückrunde spricht Herthas Manager Dieter Hoeneß über Cliquenwirtschaft, Führungsspieler und Sprachunterricht

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Herr Hoeneß, wir wollen über die neue Hertha-Mannschaft reden – über die, die ab Sonnabend die Bundesliga von Platz neun aus aufrollen will.

Ach reden, es ist schon so viel geredet worden. Jetzt müssen Taten folgen, am Sonnabend gegen Dortmund.

Taten heißt: drei Punkte holen.

Natürlich. Ich sehe das Glas immer halb voll. So ein Sieg gegen den Deutschen Meister könnte eine wunderbare Initialzündung sein. Da muss aber alles stimmen. Bis jetzt sind wir natürlich unzufrieden. Wir haben aus den letzten vier Bundesligaspielen einen Punkt geholt. Wir wissen, dass 23 Punkte aus der Vorrunde zu wenig sind. Wir werden nach 34 Spielen auf einem Uefa-Cup-Platz stehen.

Große Worte für einen Tabellenneunten.

Platz neun spiegelt nicht unsere Leistungsstärke wider. Am Saisonende sind wir mindestens Fünfter. Da gehe ich jede Wette ein.

Woher kommt Ihre Zuversicht?

Ich war im Trainingslager eine Woche lang jeden Tag eng zusammen mit der Mannschaft. Im Gegensatz zu dem, was einige Journalisten geschrieben haben, ist die Stimmung alles andere als schlecht. Es gibt bei uns keine Cliquenwirtschaft. Das ist künstliche Stimmungsmache. Natürlich herrscht eine gewisse Unruhe wegen des Tabellenstandes. Aber das spricht ja eher für die Mannschaft. Was würden Sie denn sagen, wenn bei Spielern und Trainer Jubel, Trubel, Heiterkeit herrschen würde?

Zum Saisonende laufen 14 Verträge aus, über Verlängerungen wird erst noch verhandelt. Das trägt nicht zur Entspannung bei.

Ich muss Sie korrigieren, es sind nur zehn Verträge, wobei bei Preetz und Sverrisson schon seit langem feststeht, dass sie ihre Karriere beenden werden. Bei Hartmann, Rehmer, Schmidt laufen die Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung sehr positiv, auch Fiedler habe ich signalisiert, dass wir wie in den letzten Jahren verlängern wollen. Bleiben Beinlich, van Burik, Maas und Tretschok, und da kann ich nur sagen, dass es bei van Burik und Beinlich ein Problem ist, dass sie wegen Verletzungen dem neuen Trainer ihren Wert für die Zukunft noch nicht zeigen konnten. Grundsätzlich: Vor dem Bosman- Urteil sind Entscheidungen über Verträge in der Regel erst zwei, drei Monate vor Vertragsende gefallen. Daran werden sich die Spieler wieder gewöhnen müssen. Mit diesem Druck musste auch ich zu meiner aktiven Zeit beim FC Bayern leben. Das ging gut, und glauben Sie mir, wir hatten auch unsere Krisen.

Krise beim FC Bayern bedeutete damals wie heute Platz zwei oder drei.

Ja, auf so hohem Niveau leiden wir leider noch nicht.

Würden Sie aber bestimmt gerne. Es ist gar nicht so lange her, da hat Ihr Präsident Bernd Schiphorst die Aufnahme in die Vereinigung von Europas Topklubs und deren Umbenennung von G 14 in G 15 gefordert.

Diesen Anspruch kann man haben – im angemessenen Zeitrahmen. Das ist vielleicht unser größtes Problem, dass in Berlin alles, was wir an Visionen und Perspektiven haben, am besten schon gestern umgesetzt worden sein soll. Allerdings: Ein europäischer Spitzenklub entsteht nicht durch Fingerschnipsen. Was groß werden soll, muss auch Zeit zum Wachsen haben. So viel zu Visionen.

Eine Vision mit klar definiertem Zeitrahmen ist, dass Hertha bei der WM 2006 ein paar deutsche Nationalspieler stellt.

Das interessiert mich zurzeit überhaupt nicht, und ich kann Ihnen gerne sagen warum: In genau diesem Zusammenhang bin ich nach jungen Leuten wie Kevin Kuranyi gefragt worden, und ich habe gesagt: Ein interessanter Mann, aber der hat einen Vertrag bis 2005, wenn der ausläuft, wird er ein Thema. Ich kenne den Jungen ja schon länger, weil er als Jugendlicher mit meinem Sohn in der B-Jugend beim VfB Stuttgart gespielt hat, und wir hatten auch mal angeklopft, aber er hat sich dann für den VfB entschieden. Am nächsten Tag steht dann in der Zeitung, dass wir Kuranyi holen. Genau deswegen habe ich überhaupt keine Lust, über Zukunftsthemen zu reden. Nur so viel: Seien Sie sicher, dass wir die entsprechenden Leute kennen und sie auch im Blick haben.

Schon zur neuen Saison?

Es wird natürlich Neuverpflichtungen geben, aber nicht so wahnsinnig viele, vielleicht zwei oder drei. Wenn ich lese, über welche Transfers so spekuliert wird, frage ich mich: Haben denn alle ganz vergessen, dass es mal eine Kirch-Krise gab?

Beschreiben Sie uns doch mal Ihre nächsten Schritte.

Wir werden erst einmal das Potenzial unseres Kaders ausschöpfen. Da ist noch eine Menge drin: S pieler wie Kiraly, Simunic, Pinto, Karwan, Luizao, Marx, ja auch Friedrich sind noch lange nicht an ihrem Limit. Dardai ist auf dem Weg zurück zu alter Stärke. Marcelinho kann sich noch viel mehr einbringen, wenn er besser Deutsch spricht. Auch bei Alves habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er sein enormes Potenzial auch mal über einen längeren Zeitraum ausschöpft. Und dann sind da noch junge Leute wie Mladenow, Madlung, Rafael, Lauser und, und, und.

Ein paar von denen, die Sie nicht erwähnt haben, werden den Klub zum Saisonende verlassen müssen. Ob die sich in der Rückrunde noch mal alle für Hertha zerreißen?

Wir haben als Verein alle unsere Verpflichtungen eingehalten und werden das auch in Zukunft tun. Das verlangen wir auch von den Spielern, und zwar von allen, die bis zum 30. Juni bei uns unter Vertrag stehen. Das wird überall im Arbeitsleben verlangt, das dürfen wir also auch von gut bezahlten Fußballprofis erwarten. Unsere Gespräche im Trainingslager waren auch in diesem Punkt sehr offen und positiv.

Und wenn nicht alle mitziehen…

… werde ich rigoros durchgreifen. Zur Not werden wir uns vorzeitig von dem einen oder anderen trennen. Nichts ist so wichtig wie ein intaktes Binnenklima.

Elf Freunde müsst ihr sein.

Das funktioniert im Profisport natürlich nicht mehr. Fußball ist ein Mannschaftsspiel, das von Individualisten lebt. Aber alle diese Individualisten müssen einen gemeinsamen Nenner finden, alle müssen alles tun für den gemeinsamen Erfolg.

Diesen Eindruck einer geschlossenen Mannschaft hat Hertha in der Hinrunde nur selten vermittelt. Wenn wir mal als Maßstab die Mannschaft nehmen, die vor zweieinhalb Jahren die Champions League erreicht hat…

…dann machen Sie einen großen Fehler. Erst einmal hat das schlechte Abschneiden in der Hinrunde nicht an mangelnder Geschlossenheit gelegen. Da kamen viele Sachen zusammen: Verletzungen, die Umstellung auf den neuen Trainer, die Baustelle Stadion und so weiter. Außerdem hinkt der Vergleich zur Mannschaft von damals: Da konnte die Mannschaft in unserem zweiten Bundesligajahr gelöst aufspielen, niemand hat diesen Erfolg von ihr erwartet, es gab kaum Verletzungen. Wenn wir das auf einer Skala von null bis zehn mit null bewerten, dann sind wir heute vielleicht auf drei, aber keinesfalls schlechter. Wir wollen in dieser Saison noch auf eins kommen, und darauf werde ich nicht einfach nur warten. Diesen Prozess will ich aktiv mitgestalten.

Das dürfte von außen nicht so einfach sein.

Über Gespräche lässt sich schon einiges machen. Missverständnisse und Probleme entstehen, wenn zu wenig oder nicht rechtzeitig geredet wird. Das wird bei uns nicht passieren.

Hertha steht zur kommenden Saison vor einem Generationswechsel. Gewachsene Führungsspieler wie Michael Preetz und Eyjölfur Sverrisson hören auf, andere wie Dick van Burik oder Stefan Beinlich werden vielleicht gehen. Wie gehen Sie damit um?

Ich kann natürlich keinen zum Leithammel machen, der es nicht will. Aber ich kann die jungen Leute ermutigen. Schauen Sie sich mal den Arne Friedrich an, und zwar nicht nur auf dem Platz. Der hat vom ersten Augenblick an hier demonstriert, dass er Verantwortung übernehmen will. Davon haben wir noch ein paar. Zum Beispiel Marcelinho, ein hervorragender Fußballer…

… der sich leider nicht so richtig mit seinen Mitspielern verständigen kann.

Daran arbeiten wir. Wer bei einem französischen Klub spielt, muss Französisch sprechen, in England Englisch, und bei uns wird halt Deutsch gesprochen. Das gilt auch für unsere vier Brasilianer. Bei Alex Alves funktioniert das mittlerweile ganz gut, aber der ist ja auch schon drei Jahre hier, und so lange darf das bei den anderen nicht dauern. Marcelinho macht Fortschritte, Nené auch, und für Luizao ist die Eingewöhnungsphase jetzt vorbei. Die Jungs müssen jetzt zwei-, dreimal in der Woche zum Sprachunterricht. Das ist keine Bitte, sondern eine Anordnung.

Das Gespräch führten Sven Goldmann, Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

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