Sport : Jede Woche eine Feier

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Von Erik Eggers

Ein Klavierspieler war teuer anno 1893. Aber doch nötig für die musikalische Untermalung der rauschenden Partys, die von den jungen Mitgliedern des „Berliner Fußball Clubs Hertha“ jede Woche gefeiert wurden. Zwei Mark zehn kostete der Pianist am ersten Abend, beim nächsten Mal 20 Pfennig mehr. So notiert es das erste „Cassabuch" jenes Vereins, der 1923 nach der Fusion mit dem Berliner Sport-Club als „Hertha BSC“ zum beliebtesten Fußballverein der Hauptstadt wurde. Ein Jahr spielten sie schon diesen neuen englischen Sport auf dem Exerzierplatz „Einsame Pappel“ an der Schönhauer Allee, da begannen sie, Ausgaben und Einnahmen feinsäuberlich aufzuzeichnen.

Ein Juwel ist ein solches Kassenbuch für Fußballhistoriker, denn es sagt viel über Alltags- und Freizeitgeschichte der Menschen, die diesen Sport in Deutschland einführten – in Berlin wurden Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Fußballvereine gegründet. Versteigert wurde dieses seit 70 Jahren verschollen geglaubte Büchlein jetzt bei einer Auktion von Sportmemorabilia in Frankfurt.

Die Einträge des Kassenbuchs reichen bis in das Jahr 1902. Sie zeigen, dass sich damals nicht alle Menschen das organisierte Fußballspiel leisten konnten. Mehr als sieben Mark kostete, so verzeichnet der Monat Oktober 1893, ein Ball bei der Firma Steidl, ein Viertel eines Facharbeiter-Wochenlohns. Drei Monate später war das Spielgerät verschwunden; glücklicherweise aber fand es jemand wieder, der 60 Pfennig Finderlohn kassierte. Im Januar war eine Ballreparatur für 30 Pfennig notwendig, einen Monat später kaufte der Klub einen Verbandskasten für 1,90 Mark, inklusive einer Flasche Arnika. Schuhe, Trikots und Hosen bezahlte jeder selbst, solche Posten stehen nicht im Kassenbuch. Aber jeder war verpflichtet zum Kauf eines Vereinsabzeichens, das Stück eine Mark.

Weitere Einnahmen erzielte der Klub durch Beiträge in Höhe von 60 Pfennig je Monat. Dass er sich auch Ticketeinnahmen erhoffte, wird ersichtlich durch den Posten „Platz-Eintrittskarten". Die wichtigste Aufgabe des Vereins war indes die Finanzierung des Saufens, das euphemistisch als „Kommers“, also als feierlicher Trinkabend bezeichnet wurde. Das Buch verzeichnet regelmäßig den Einnahmeposten „Für Tanz kam ein“, angesichts der Umsätze müssen es rauschende Weihnachtsfeste und Bälle gewesen sein.

Ein an sich unbezahlbarer Schatz ist dieses Buch, um die frühe Geschichte des Traditionsvereins zu rekonstruieren. Nun ist es für 5100 Euro versteigert worden, an einen unbekannten Fan. Der Sammler gibt seine Identität nicht preis, und „das soll offenbar auch so bleiben“, sagt Auktionator Wolfgang Fuhr. Seine Gebote gibt der Fußballfreak nur schriftlich ab, den Postverkehr regelt er anonym über ein Postfach in Berlin.

Hertha BSC, das über das zweite ab 1902 gültige Kassenbuch verfügt, hat die Chance verpasst, in den Besitz des Dokuments zu gelangen. „Wir kennen den Inhalt“, sagt Geschäftsführer Ingo Schiller. Der Verein habe das Buch kopiert, zudem habe Hertha – laut Schiller – bei einer ersten Internet-Auktion mitgeboten. Damals kostete das Buch 8000 Mark. Die Version des Auktionators Fuhr klingt anders. Hertha habe dem Vorbesitzer lediglich eine Eintrittskarte zu einem Heimspiel angeboten. Fuhr schätzt, dass „ein solches Dokument in England bis zu 70 000 gekostet hätte". Pfund, nicht Euro.

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