Sport : Jedem sein Tempo

Immer mehr Menschen nutzen die Unabhängigkeit der Lauftreffs – sie sind die Basis des Laufbooms

Friedhard Teuffel

Berlin - Manchmal kann Laufen auch in der Kirche beginnen. In der evangelischen Martin-Luther-Gemeinde in Neukölln hat sich eine kleine Gemeinschaft gebildet. Vor allem Frauen aus der Gemeinde wollten nicht mehr alleine laufen, und seitdem treffen sich jede Woche mal fünf oder auch einmal zehn Leute, um gemeinsam Sport zu machen. „Luthers Läufer“ haben sie ihren Lauftreff genannt. Pfarrer Dieter Spanknebel sagt: „Wir sind stolz auf unsere Läufer.“ Als die Strecke des Berlin-Marathons noch an ihrer Kirche vorbeiführte, haben sie sogar die Glocken geläutet, wenn einer von Luthers Läufern vorbeikam.

Lauftreffs wie Luthers Läufer sind die kleinste gemeinsame Einheit des Laufbooms. Andere Gemeinschaften wie die Laufbewegung des RBB haben an manchen Tagen sogar 500 Teilnehmer. Allein in den beim Deutschen Leichtathletik-Verband gemeldeten Treffs laufen oder walken jede Woche mehr als 150 000 Menschen. Die Lauftreffs sind die vielleicht wichtigste Antwort auf die Frage, warum die Laufbewegung in Deutschland immer weiter wächst, warum Veranstaltungen wie der Berlin-Marathon ihren Teilnehmerrekord von Jahr zu Jahr steigern.

Die Lauftreffs haben es auch geschafft, einen großen Widerspruch aufzulösen: den zwischen Sportvereinen und Fitnessstudios. Es schien lange eine Weltanschauung zu sein, ob man sich für Sport im Verein oder im Fitnessstudio entscheidet. Der Verein stand für Geselligkeit, Tradition und Wettkampf, das Studio für flexibles und spontanes Sporttreiben. Die Lauftreffs verbinden einfach die Vorteile beider miteinander. Auf der einen Seite bieten sie soziale Kontakte und Kontinuität wie ein Sportverein, auf der anderen Seite sind sie individuell und unverbindlich wie ein Sportstudio.

Mit solchen Reizen wirbt daher auch die RBB-Laufbewegung, Deutschlands größter Lauftreff: „Teilnahme kostenlos – ohne Anmeldung – Einstieg jederzeit möglich – keine Vereinsbindung.“ So steht es auf der Informationswand, die der RBB jeden Samstag gegenüber der Siegessäule im Tiergarten aufstellt. Dahinter warten an diesem Tag etwa 200 Teilnehmer. Eine junge Frau steigt auf einen Tisch und begrüßt die Läufer. Als sie fragt, wer sich auf den Marathon vorbereitet, heben gut 60 Teilnehmer ihre Hand. Der Marathon ist das große, verbindende Ziel vieler Lauftreffs. Zum New-York-Marathon 2003 reiste der RBB-Treff mit 100 Läufern.

Die Lauftreffs sind wie ein Brutkasten der Laufbewegung. Wer sich alleine noch zu schwach fühlt, der wird durch Motivation und fachliche Anleitung aufgebaut, bis er ein richtiger Dauerläufer ist. Der Gründer des RBB-Lauftreffs hat das noch alleine bewältigt. Hans-Joachim Seppelt ist Sportredakteur beim RBB. Als er sich vor drei Jahren auf den Berlin-Marathon vorbereitete, berichtete er darüber auch im Fernsehen. „Ich war damals dicklich und untrainiert“, erzählt Seppelt. Trotzdem erreichte er sein Ziel, schneller als 3:50 Stunden zu laufen. „Einer wie ich kann es schaffen – so haben es die Leute damals gesehen“, sagt Seppelt.

Als er und sein Sender dann im Januar 2002 zum gemeinsamen Laufen einluden, kamen mehr als 200 Leute in den Tiergarten. Inzwischen hat der Lauftreff Standorte in Frankfurt (Oder), Brandenburg und Cottbus. Mehr als 30 ehrenamtliche Helfer leiten die verschiedenen Gruppen. „Am Anfang hatten die Vereine Angst, dass wir ihnen Leute wegnehmen“, erzählt Seppelt. „Aber inzwischen suchen sie die Kooperation. Sie wären gar nicht in der Lage, das alles organisatorisch zu bewältigen. Außerdem führen wir ihnen Mitglieder zu, nämlich Läufer, die noch leistungsorientierter sind. Insofern sind wir ein Durchlauferhitzer.“ Mittlerweile bieten auch Fitnessstudios und Sportgeschäfte Laufgruppen an.

In diesem Jahr sind die Lauftreffs in Deutschland 30 Jahre alt geworden. Der wohl erste Treff war die Viermärker Waldlauf-Gemeinschaft. 1974 schlossen sich etwa zwölf Freunde zusammen, unter ihnen auch ein Brauereibesitzer und ein Verleger, um gemeinsam durch die Wälder und Parks im Dortmunder Süden zu laufen. Aus der Pioniergruppe ist inzwischen ein Verein mit 500 Mitgliedern geworden. 25 Euro kostet der Jahresbeitrag. Einen Schub haben die Lauftreffs bekommen, als die großen Marathons in den Siebzigerjahren nicht mehr nur durch Parks oder am Stadtrand entlang führten. Der erste City-Marathon war New York, dort liefen 1976 die Teilnehmer nicht mehr nur durch den Central Park, sondern durch die ganze Stadt.

Vor vier Jahren haben Lauftreffs wie die Viermärker Waldlauf-Gemeinschaft noch einmal einen starken Zuwachs bekommen. „Da haben wir angefangen, verschiedene Laufgruppen zu bilden“, berichtet Sportwart Werner Koglin. Jeden Dienstag können die Läufer sich nun einer von insgesamt zwölf Gruppen anschließen, je nachdem, wie schnell und wie lange sie laufen und ob sie lieber laufen oder walken wollen. Luthers Läufer dagegen rennen alle zusammen. Sie wollen ihre Gemeinschaft genießen. Das Tempo bestimmt der Langsamste.

Den Bericht zum Skater-Marathon finden Sie auf Seite 11.

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