Sport : Jeden Schluck verdient

Autokorso, Fanparty und viel Müll: Stuttgart feiert die Meisterschaft ausgelassen wie nie

Oliver Trust[Stuttgart]

Es war weit nach Mitternacht, als sich Armin Veh ein letztes Mal aufbäumte. „Die Haare bleiben dran“, sagte der gebürtige Augsburger. „Man muss manche Dinge auch mit Würde tun.“ Sein Tonfall ließ keinen Widerspruch zu. Noch vor dem Saisonfinale gegen Energie Cottbus hatte Fernando Meira, der Kapitän des Deutschen Meisters, eine Glatze für den Trainer angekündigt. Es sollte eine Gemeinschaftsproduktion alle Meisterkicker werden. Nun, am Ende einer endlosen Fahrt in Cabrios und inmitten der wildesten Party, die Stuttgart je erlebt hat, sprach Veh mit blassem Gesicht ein Machtwort. Zu dem Zeitpunkt trug er nicht mehr seinen grauen Anzug, in den er seit acht Spielen aus Aberglauben immer wieder gestiegen war. „Jetzt stinke ich nach Bier und kann mich selbst nicht mehr riechen“, sagte Veh und kündigte an, das ramponierte Teil bald zu versteigern.

Um ihn herum sahen alle blass aus. In Windeseile waren die Schnittchen im Spätbarockbau im Stuttgarter Neuen Schloss von den Tabletts verschwunden. Überall kauten die Helden des Tages, um ihre Energiespeicher wieder aufzufüllen, nachdem die Fußball-Love-Parade ihr Ende fand. Fast vier Stunden dauerte die Fahrt des Autokorsos, der sich über überschaubare 5,9 Kilometer vom Gottlieb-Daimler-Stadion im Schneckentempo in die Innenstadt quälte. Rund 250 000 Menschen säumten den Weg. Es waren oft nur Zentimeter, die man vorwärts kam. Stuttgart glich einer gigantischen Partymeile, die Innenstadt musste gesperrt werden und längst war alles außer Kontrolle geraten.

„Vom Kopf her war das Spiel schwerer, aber von der Ausdauer ist das anstrengender“, sagte der Schweizer Ludovic Magnin eine Woche vor dem nächsten Höhepunkt, dem Pokalfinale gegen Nürnberg am Samstag in Berlin. Zu dem Zeitpunkt waren alle Pannen verziehen. Die, dass Fernando Meira die Meisterschale um 17.29 Uhr falsch herum in die Höhe hielt und die, dass der Sohn von Mittelfeldspieler Antonio da Silva – aus reiner Freude natürlich – Timo Hildebrand noch auf dem Rasen in den ersten Festminuten kräftig ins Hinterteil trat.

Aus Lautsprechern tönte laute Musik. Stuttgart sang und tanzte. „Wenn ich König von Deutschland wär“, tönte es aus den Lautsprechern. Sie waren es, zumindest im Fußball. „Ich bin stolz, diese Mannschaft trainieren zu dürfen“, hauchte Armin Veh spät in der Nacht. „Nach der WM ist das ist das zweite Sommermärchen für die ganze Stadt“, sagte Manager Horst Heldt. In Stuttgart fand damals das berauschende Spiel um Platz drei statt, das die deutsche Nationalelf gegen Portugal gewann.

Erst gegen Mitternacht hatten die VfB-Helden die Schlossplatz-Bühne erreicht. Die Hip-Hoper der „Fantastischen Vier“ hatten vorsichtshalber schon mal angefangen zu spielen, um die Fans bei Laune zu halten. Das gemeinsame Essen sowie die anschließende Party in der Stuttgarter Diskothek Perkinspark mussten weit nach hinten verschoben werden. „Wir lassen es jetzt krachen“, sagte Timo Hildebrand, der nach zwölf Jahren den Verein verlässt und im Stadion noch bewegende Abschiedsworte sprach, „die mich fast zum Heulen gebracht hätten“. „Sorry, Trainer, aber wir brauchen jetzt frei bis Montag“, sagte Magnin, und so kam es auch. „Wenn ich denen jetzt das Feiern verbiete, kann ich mich gleich in die Kiste legen. Sie haben sich jeden Schluck verdient“, reagierte Veh tolerant. Gegen ein Uhr versammelte man sich beim Italiener und zuvor hatte der künftige Kotrainer Markus Babbel im Duett mit Manager Jochen Schneider vor 100 000 Fans „You never walk alone“ gesungen. Stuttgart sucht keine Superstars, sondern findet sie einfach.

Am Tag nach dem Triumph war die Innenstadt komplett vermüllt. Vor einem McDonalds-Restaurant lagen Berge von Essensresten. Noch nie war Stuttgart so schmutzig – und glücklich.

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