Sport : Jeder ein Opfer

Alle betroffenen Vereine empfinden das Urteil im italienischen Fußballskandal als ungerecht

Vincenzo Delle Donne[Rom]

Das Sportgericht sollte ein Exempel statuieren mit säubernder Wirkung. Doch am Ende verursachten die Strafen im italienischen Fußballskandal eher ein beispielloses Durcheinander. Das Sportgericht um den ehemaligen Verfassungsrichter Cesare Ruperto habe mit zweierlei Maß gemessen, lautete der häufigste Vorwurf in Italien am Tag danach. Das Fußballgericht hatte zwar mit ungekannter Härte Juventus Turin, den AC Florenz und Lazio Rom in die zweite Liga verbannt. Doch den AC Mailand behandelte das Gericht mit unerklärlicher Milde und beließ den Klub des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi in der Serie A.

Dabei beging das Gericht auch noch einen Rechenfehler. Eigentlich hätte Mailand im nächsten Jahr nicht an einem internationalen Wettbewerb teilnehmen dürfen. Doch auch nach dem Abzug von 44 Punkten könnte Mailand trotzdem im Uefa-Cup spielen. Empoli, das vor Mailand rangiert, hatte es unterlassen, sich für eine eventuelle Teilnahme am europäischen Wettbewerb anzumelden. Trotzdem fühlt sich die Milan-Führung als Opfer. Das alles sei eine „außerordentliche Ungerechtigkeit“, schreibt der Verein in einer Stellungnahme.

Alle betroffenen Klubs haben angekündigt, in die Revision zu gehen. „Was für ein Skandalurteil!“, kommentierte die römische Sportzeitung „Corriere dello Sport“. In den Kolumnen der letzten Wochen hatte die Zeitung vom Sportgericht ein hartes Durchgreifen gefordert. Der AC Florenz und Lazio Rom wurden sehr hart für das Vergehen bestraft, dass sie heimlich den ehemaligen Juventus-Manager Luciano Moggi um unlautere Hilfe gebeten hatten, um nicht in die zweite Liga absteigen zu müssen.

Der Ehrenpräsident vom AC Florenz, Diego Della Valle, der sich als Opfer des „Systems Moggi“ fühlt, kritisiert ebenfalls das Urteil. „Wir werden in die Revision gehen und verlangen ein gerechtes Urteil, das die Fakten überprüft“, sagte Della Valle. Lazio Roms Präsident Claudio Lotito kündigte sogar an, nötigenfalls bis zum Europäischen Gerichtshof zu gehen.

Juventus Turin muss zum ersten Mal in seiner 109-jährigen Geschichte in die Zweitklassigkeit. De facto wurde der Rekordmeister sogar für zwei Jahre in die zweite Liga verbannt, denn mit einem 30-Punkte-Abzug sind die Chancen auf den sofortigen Wiederaufstieg gering. Es gab im Urteil noch andere Ungereimtheiten. „Wir können nicht verstehen, warum wir den diesjährigen Meistertitel aberkannt bekommen, obwohl diese Meisterschaft gar nicht Gegenstand der Ermittlungen war“, sagte der neue Juventus-Präsident Giovanni Cobolli Gigli. Die gesamte Führung des börsennotierten Klubs wurde inzwischen ausgewechselt. Was auch verwunderte: Die Urteile waren schon am Morgen in der Mailänder „Gazzetta dello Sport“ zu lesen. Allein die Zahl der tatsächlichen Punktabzüge variierte. Es muss also in der Richterkommission eine undichte Stelle gegeben haben, die die Presse informiert hat.

Milan-Präsident und Medientycoon Silvio Berlusconi kündigte ebenfalls an, in Revision zu gehen. „Wenn wir in der Serie A bleiben dürfen, heißt es, dass wir nicht schuldig sind“, sagte er. In den Tagen vor der Urteilsverkündung hatte der Oppositionspolitiker geschickt Interviews lanciert, in denen er sich wieder als Opfer einer Verschwörung wähnte - beginnend mit dem Fußball.

Die Mehrzahl der über 100 000 Abhörprotokolle ist indes noch nicht vollständig ausgewertet worden. Mit Francesco Saverio Borrelli ist damit ein rüstiger Pensionär als Chefermittler beauftragt, der ab 1992 als Generalstaatsanwalt von Mailand eine ganze korrupte politische Klasse zu Fall gebracht hat.

Italien braucht den Glauben an einen sauberen Fußball. Diese exemplarischen Strafen sollen nach dem Willen des kommissarischen Verbandschefs Guido Rossi eine notwendige Läuterung bewirken, damit die Tifosi wieder zu einem authentischen Fußballgefühl zurückfinden können. Nur so lasse sich auch die aktuelle wirtschaftliche Krise des italienischen Fußballs überwinden. Der Fußballskandal sei zudem Ausdruck eines in der Berlusconi-Ära verlorenen Gefühls für Ethik und Moral – auch im Fußball. Die endgültigen Urteile werden spätestens am 25. Juli gesprochen.

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