Sport : Jeder fährt für sich allein

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Robert Ide über die Risse

im Team Telekom

Als sich das Team Telekom vor Beginn der Tour de France öffentlich vorstellte, gab die Mannschaft nicht gerade ein geschlossenes Bild ab. Nach dem offiziellen Gruppenfoto in einem Berliner Hotel ging Erik Zabel, der deutsche Sprintstar, in eine Ecke des Saals und ließ sich von den deutschen Journalisten interviewen. In einer anderen Ecke des Raumes stand Santiago Botero, der beste Radfahrer Kolumbiens, und sprach mit der Presse aus Südamerika. Auf die Frage, welche deutschen Worte er schon kann, antwortete er knapp: „Nein.“

Diese Begebenheit ist fünf Monate her. Doch viel scheint sich seitdem beim Team Telekom nicht geändert zu haben. Der beste deutsche Rennstall, der einst mit Jan Ullrich den Radsport in Deutschland populär gemacht hat, gibt bei der Tour de France kein schönes Bild ab. Während Ullrichs neue Mannschaft Bianchi überraschend gut mithalten kann und das erstmals angetretene Team Gerolsteiner mit Stürzen immerhin einen Mitleidsbonus bei den Fans bekommt, gibt es von Telekom nach der ersten Tourwoche nur eine Nachricht: Das Team fällt nicht auf und kann nicht gewinnen.

Erik Zabels Bilanz auf den ersten vier Sprintetappen steht sinnbildlich für seine Mannschaft: Dritter, Vierter, Vierter, Vierter. Am Freitag kam es noch schlimmer: Nach einem Sturz kam er sieben Minuten hinter dem Hauptfeld ins Ziel. Zabel hat erkannt, warum er nicht gewinnt: Niemand in seinem Team hilft ihm. „Botero, Guerini oder Aerts stoßen beim Finale an ihre mentalen Grenzen“, lästerte der Sprinter über seine Kollegen. Solche Worte fördern nicht den Teamgeist bei Telekom. Doch sie stimmen.

Zabel, der eigentlich mit Tagessiegen den Weggang Ullrichs wettmachen sollte, ist auf sich allein gestellt. Der Kolumbianer Botero wartet auf seine Chance in den Bergen. Der letztjährige Tourvierte will in der Gesamtwertung nach vorne kommen; da verausgabt er sich nicht für Kollegen. Auch der Italiener Giuseppe Guerini ist in eigener Sache unterwegs. Der Mann, der vor vier Jahren im legendären Bergort L’Alpe d’Huez gewann, hat neue spektakuläre Erfolge im Sinn. Beim Team Telekom fährt jeder für sich. Genau deshalb erreicht bislang niemand sein Ziel.

Nach der ersten Woche hat die Tour ihre Stars: den dominanten Lance Armstrong, den wiedergekehrten Jan Ullrich, den SprintDauersieger Alessandro Petacchi. Die Telekom-Fahrer können nur hoffen, dass diesen dreien in den Bergen die Kraft ausgeht. Oder sie können sich doch noch zu einem wirklichen Team zusammenraufen.

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