Sport : „Jeder Fußballer hat Angst“

Herthas Abwehrspieler Josip Simunic über Gefühle, Abstiegskampf und den Umgang mit Kritik

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Herr Simunic, können Sie gut mit Lob umgehen?

Nein. Lob brauche ich nicht. Es verleitet mich dazu, leichtsinnig zu werden.

Eigentlich wollten wir Sie loben: weil wir Sie in der Rückrunde für Herthas konstantesten Spieler halten.

Dankeschön. Aber wir müssen noch einen Punkt holen, um in der Bundesliga zu bleiben. Wenn wir das schon gegen 1860 schaffen, haben wir wenigstens unseren Job gemacht.

Ist es vielleicht so, dass auch die Mannschaft nicht mit Lob umgehen kann?

Das mag sein. Wir haben vor der Saison richtig viel Lob bekommen. Und danach lief es richtig schlecht. Wir waren nicht reif genug, um mit Lob umzugehen.

Man könnte aber auch sagen, dass sich die Mannschaft selbst am meisten gelobt hat – als sie sich die Champions League zum Ziel gesetzt hat.

Das war ein großer, großer Fehler von uns. Aber bedenken Sie: Wir waren viermal hintereinander im Uefa-Cup. Die Öffentlichkeit hätte es uns einfach nicht abgekauft, wenn wir nur gesagt hätten, dass wir einen internationalen Wettbewerb erreichen wollen. Wir hatten uns ja sehr gut verstärkt. Also haben wir uns gefragt: Was sind unsere Ziele? Manche haben Meister gesagt, die meisten Champions League.

Was war Ihr Ziel?

Unter die ersten fünf zu kommen.

So vorsichtig?

Die Champions League wäre realistisch gewesen – wenn wir in der Hinrunde so gespielt hätten wie jetzt in der Rückrunde. Es ist schade, dass wir mit dieser Mannschaft im Abstiegskampf stecken. Aber ich glaube, wir haben viel gelernt. Wir haben am Ende Charakter gezeigt.

Hatte Hertha in dieser Saison ein Kopf- oder ein Fußproblem?

Was heißt Kopfproblem? Die Frage ist: Bist du motiviert – oder bist du hoch motiviert?

Ihr Trainer Hans Meyer hat gesagt, dass es nicht am Willen gemangelt habe.

Manche Leute hatten Angst. Angst vor dem Erfolg. In schweren Spielen musst du zeigen, wie stark du wirklich bist. Das ist uns oft nicht gelungen.

Erst in den Heimspielen, als es um alles ging. Woher kam diese mentale Stärke?

Das kann man nicht erklären. Du fängst mit elf Spielern an. Sechs sind voll dabei, fünf woanders, keine Ahnung wo. Das merkt man an der Körpersprache. An der Laufbereitschaft. An den Zweikämpfen. Dann muss man einschreiten.

Geht das auf dem Platz?

Natürlich, innerhalb von drei Sekunden kannst du jemanden motivieren. Ich mache das gerne. Aber manchmal muss auch ich wachgerüttelt werden.

Wenn man einschreitet, kann man sich auch sehr unbeliebt machen.

Das stimmt. Ich habe im Training mal etwas zu einem Spieler gesagt – ich nenne jetzt keinen Namen –, weil ich richtig sauer war. Er hat das sofort persönlich genommen. In der Kabine haben wir uns weiter gestritten, wir sind aneinander geraten, und ein anderer Spieler musste dazwischengehen. Inzwischen ist die Sache ausgeräumt. Weil der Spieler gemerkt hat, wie ich es gemeint habe. Ich habe daraus gelernt, dass man in einer positiven Weise kritisch sein muss, nicht immer nur negativ.

Würden Sie sich gerne stärker einbringen? Oder sagen Sie: Das ist nicht die Rolle, die ich spielen möchte?

Das ist eine Frage der Zeit. Vor drei Jahren habe ich gar nichts gesagt. Da habe ich mich nur auf meine Aufgabe konzentriert. Jetzt bin ich so weit, dass ich anderen etwas sagen kann. Jeder hat seinen Charakter. Ich bin zurückhaltender, ich löse das schauspielerisch.

Schauspielerisch?

Ja, ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. Der Oliver Kahn, der hat immer Angst. Aber man sieht das nicht, weil er es nicht zeigt.

Oliver Kahn hat Angst?

Hundert Prozent, er hat Angst. Jeder Fußballspieler hat Angst, innerlich. Ich kann mich noch gut an ein Uefa-Cup-Spiel in Chisinau erinnern. Das war vor drei Jahren, der tiefste Punkt in meiner Karriere. Schlechter habe ich nie wieder gespielt. In der Halbzeit bin ich ausgewechselt worden. Bis ich das überwunden hatte, hat es vier, fünf Monate gedauert.

Wollten Sie damals vom Platz?

Ganz ehrlich? Ja. Aber der Trainer hat mich sowieso rausgenommen.

Machen Sie sich zu viele Gedanken?

Früher war das so. Als ich mich entschieden habe, für Kroatien zu spielen und nicht für Australien, das Land, in dem ich geboren wurde. Mir hat die Entscheidung unglaublich viel Kritik eingebracht, weil die Australier sie nicht verstanden haben. Ich habe drei, vier Tage nicht geschlafen. Inzwischen interessiert mich das nicht mehr. Ich mache, was ich will. Wenn damit jemand Probleme hat, bitte!

Arbeiten Sie noch mit einem Mentaltrainer zusammen?

Nein. Ich habe jetzt ein Niveau erreicht, auf dem ich so etwas nicht mehr brauche. Aber ich bin sehr dankbar, dass ich es gemacht habe. Ich habe mich dadurch selbst kennen gelernt: Wie ich denke. Warum ich denke. Warum ich fühle.

Sind Sie abergläubisch?

Ich nicht, aber es gibt bei Hertha einige Spieler, die es sind. Ich finde das okay. Vielleicht nimmt es ihnen die Angst.

Ist Hans Meyer ein guter Psychologe?

Seine Art, wie er jemandem etwas sagt, war für mich anfangs etwas verwirrend. Inzwischen verstehe ich ihn. Meyer hat eine überragende Eigenschaft. Er fühlt, wenn wir nicht richtig trainieren. Und er reagiert darauf zum richtigen Zeitpunkt. Dadurch spielen wir jetzt ehrlicher.

Ehrlicher?

Jeder spielt das, was er kann. Das hat etwas mit Disziplin zu tun.

Könnten Sie sich vorstellen, Kapitän einer Mannschaft zu sein?

Inzwischen ja. Vor drei Jahren hätte ich mir das noch nicht vorstellen können.

Wie sieht der ideale Kapitän aus?

Michael Preetz war der ideale Kapitän. Wenn es schlecht lief, hat er immer den richtigen Moment erwischt, um etwas zu sagen. Er war einfach ein Vorbild.

Herr Simunic, Sie sind ein großer Boxfan. Ist Hertha BSC mehr Wladimir Klitschko oder mehr Witali?

Warten Sie, wer hat jetzt verloren?

Wladimir.

Wir sind Witali. Ja, das ist ein gutes Beispiel. In der Hinrunde waren wir Wladimir, in der Rückrunde sind wir Witali.

Das Interview führten Stefan Hermanns und Sven Goldmann.

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