Sport : Jeder Schritt ein großer Genuss

Kathrin Weßel gibt ihre Abschiedsvorstellung

Frank Bachner

Berlin - Sie will den Lauf genießen, das ist das Wichtigste. „Ich möchte mir das Rennen so schön wie möglich gestalten“, sagt Kathrin Weßel. Sie wird irgendwann Schmerzen spüren, das ist immer so beim Marathon. Aber sie will so wenig wie möglich leiden. „Deshalb werde ich bestimmt nicht schnell angehen“, sagt Kathrin Weßel. Und das bedeutet, „dass ich nicht meine Bestzeit anpeile“. Die steht bei 2:28,27 Stunden, Kathrin Weßel lief sie 2001 beim Berlin-Marathon. Jetzt ist sie 37, sie braucht das nicht mehr, diese Hetzerei. Sie will das Rennen am Sonntag als Genuss in Erinnerung behalten. Es ist schließlich ein besonderes Rennen. Es ist ihr Abschied vom Leistungssport.

Kathrin Weßel, geboren in Annaberg, DDR, ist zehnmalige deutsche Meisterin über 10 000 m, sie hat 1987 über diese Strecke WM-Bronze gewonnen, sie wurde drei Jahre später Vize-Europameisterin über diese Distanz, sie wurde 1994 erstmals Deutsche Marathonmeisterin. Jetzt ist Schluss. Sie wird den Abschied leise feiern, mit der Familie. „Da wird sicher angestoßen.“

Schon die Vorbereitung auf das Rennen hat sie voll gestopft mit Terminen. „Ganz bewusst, ich will mich damit ablenken.“ Sie leitete gestern den Frühstückslauf in der Wuhlheide, sie beantwortete bei einem Talk am Potsdamer Platz Fragen, sie will am Sonntag einfach loslaufen. Nur keine Wehmut spüren. Jedenfalls nicht vor dem Rennen.

Emotionen hat sie oft genug ertragen. „Die WM-Medaille von 1987 war einer meiner schönsten Momente“, sagt die 37-Jährige. Dieses Bronze. Sie war erst 20. Sie lief noch unter ihrem Mädchennamen Ullrich. Sie hatte erst ein Jahr Langstrecke trainiert. Sie steigerte ihre Bestzeit um 50 Sekunden auf 31:11,34 Minuten, DDR-Rekord. Seit damals liebt sie die 10 000 m.

Aber sie hasst ihre Alpträume. Die Alpträume haben immer den gleichen Kern: Platz vier. Medaille verpasst bei den Olympischen Spielen 1988, bei der WM 1991, bei der EM 1994. Und dann 2002, das Jahr der EM in München. Kathrin Weßel vom SC Charlottenburg war nominiert für den Marathon, aber einen Monat vor der EM sagte sie dem Deutschen Leichtathletik-Verband ab. Formschwäche, sagte sie. Der Verband warf sie daraufhin aus dem B-Kader. Kathrin Weßel erfuhr es aus dem Videotext. Sie litt mehr unter der Art und Weise ihres Rauswurfs als unter dem finanziellen Verlust. Aber es war ein stilles Leiden, Kathrin Weßel drängte nicht an die Öffentlichkeit. Und sie konnte sich mit Gedanken ablenken. Denn ein Jahr zuvor war sie ihre Marathon-Bestzeit gelaufen. „Neben dem WM-Bronze war es der schönste Moment meiner Karriere.“

Am Sonntag wird sie langsamer laufen. Aber mit so viel Genuss wie wohl schon lange nicht mehr.

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