Sport : Jeder sieht, was er will

Brutales Foul oder überragender Check? Eisbär Cole für sechs Spiele gesperrt

Claus Vetter

Berlin – Die drei Herren, die am Sonntagabend eine Kölner Sportbar betraten, hatten ein ungewöhnliches Anliegen. Im Regelfall bestimmen derartige Gaststätten, was auf ihren Monitoren läuft. Die dreiköpfige Delegation um Gernot Tripcke, Geschäftsführer der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), hatte aber ihren eigenen Film dabei. Als Programm wählten die Verantwortlichen der DEL eine Episode aus dem vierten Viertelfinal-Play- off-Spiel der Augsburger Panther und dem EHC Eisbären aus – jene Szene, in welcher der Berliner Erik Cole seinen Gegenspieler Arvids Rekis checkt. Der Lette musste mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus, Cole erhielt eine Matchstrafe. Zu Recht, wie Tripcke findet. „Wir haben uns in der Sportbar die Szene mit einem Beamer, also vergrößert, angeschaut“, sagt der DEL-Chef. „Der Check geht eindeutig zum Kopf.“ Entsprechend hart fiel das Urteil aus: Cole wurde für sechs Spiele gesperrt.

Für die Eisbären ist das ein schwerer Schlag. Im fünften Spiel der Serie gegen Augsburg, in dem sich die Berliner am Sonnabend mit dem vierten Sieg gegen die Schwaben für das Halbfinale qualifizierten (5:1), fehlte Cole bereits. Der US-Amerikaner kann nun, da im Halbfinale nach dem Modus „Best of five“ gespielt wird, frühestens in der Finalserie wieder auflaufen. Akzeptieren wollen die Berliner das Urteil der DEL daher nicht. „Und das nicht, weil es in einer Kneipe gefallen ist“, wie ihr Manager Peter John Lee sagt. „Auch wenn es provinziell ist, dass die in so einer Umgebung tagen.“ Nein, der Punkt sei, dass Cole den Kopf von Rekis nicht getroffen habe. „Eishockey ist ein Kontaktsport, das war ein ganz normaler Check“, sagt Lee. Die Macht der Bilder gibt es im Fall Cole nicht – sie werden seit Tagen in zwei Richtungen interpretiert. Augsburgs Trainer Benoit Laporte entnimmt der Szene ein „brutales Foul, das nichts mit Eishockey zu tun hat“, sein Berliner Kollege Pierre Pagé erkennt einen „fairen Check, der beste, den ich in den letzten 20 Jahren gesehen habe“.

Für Tripcke ist Cole ein Wiederholungstäter. „Er hat bereits dreimal in dieser Saison einen Gegenspieler am Kopf gecheckt und dafür jeweils nur 2 plus 10 Strafminuten bekommen“, sagt er. „Insofern bewegen wir uns mit dem Strafmaß noch im unteren Bereich.“ Cole hätte bis zu 16 Spiele gesperrt werden können. Allerdings wurde Cole bei einem der von Tripcke genannten drei Checks zuvor – gegen den Kölner Eduard Lewandowksi – freigesprochen. Die Eisbären können daher laut Manager Lee der Argumentation der DEL nicht folgen und erwägen einen Einspruch. Bis heute Mittag haben sie dazu Zeit. Dann würde sich das Schiedsgericht in München mit dem Fall beschäftigen. Das müsste vor dem ersten Halbfinalspiel am Freitag entscheiden. Ansonsten könnten die Eisbären eine einstweilige Verfügung erwirken und Cole könnte spielen.

Der Streitfall Cole ist nicht der einzige in den Play-offs. Die Hamburg Freezers hatten nach ihrem Samstagsspiel in Frankfurt (0:1) bei der DEL protestiert: Der Frankfurter Francois Bouchard soll den Hamburger Matthias Forster derart brutal am Kopf attackiert haben, dass Forster auf die Intensivstation musste. Bouchard schoss später das Siegtor. Die DEL sperrte ihn nicht für die gestrige Partie in Hamburg, woraufhin die Freezers unter Protest antraten. Gernot Tripcke hatte Hamburgs Anwalt Klaus Sturm erklärt, auf der Aufzeichnung sei die Szene nicht eindeutig zu erkennen. Bilder ohne Macht. Da hilft auch der größte Monitor in der schönsten Sportbar nicht.

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