Sport : Jeder Sprung ein Risiko

Wie gefährlich ist Turnen? Weil der verunglückte Ronny Ziesmer gelähmt bleiben wird, muss sich der Sport diese Frage stellen

Jürgen Roos

Berlin - Es war ein Sprung, den Ronny Ziesmer schon tausende Male geübt hatte. Ein so genannter Tsukahara, ein Doppelsalto am Boden. Doch am Montagnachmittag landete der 24-jährige Turner beim Training in der Sportschule Kienbaum nicht auf den Füßen, sondern so unglücklich auf dem Kopf, dass er mit einem Bruch der Halswirbelsäule und Verletzungen des Rückenmarks in das Unfallkrankenhaus Berlin eingeliefert werden musste.

Gestern wurde bekannt, dass Ziesmer wahrscheinlich unterhalb des Kopfes gelähmt bleiben wird. „Es ist davon auszugehen, dass die Lähmung so bleiben wird“, sagte der Oberarzt des Klinikums, Stephan Becker. Der Turner aus Cottbus wollte in vier Wochen eigentlich bei den Olympischen Spielen in Athen an den Start gehen. Seine Mannschaftskameraden waren bereits am Mittwoch zum Training an die Geräte zurückgekehrt. Der Unfall hat ihnen bewusst gemacht, wie gefährlich auch ihre Sportart ist.

„Die Situation um Ronny ist das schwärzeste Erlebnis meines Lebens. Wir stehen vor dem totalen Werteverlust. Was gestern noch erstrebenswert war, ist heute gleich null“, sagte Bundestrainer Andreas Hirsch, der den Unfall miterlebt hatte.

Wer sich im Schulturnen an Barren und Reck gequält hat, dürfte eine Vorstellung davon haben, mit wie viel Mut und Überwindung dieser Sport verbunden ist. Doch wo Schülern meist nur harmlose blaue Flecken drohen, gehen Hochleistungsturner ein größeres Risiko ein. Sie sind Artisten, springen höher, drehen sich schneller. Wer aus mehreren Metern Höhe nicht auf den Füßen landet, kann sich schwer verletzen. „Es gibt bei uns im Vergleich zu anderen Sportarten wenig Verletzungen, aber wenn, dann sind die Risiken höher“, sagt der Präsident des Deutschen Turnerbunds, Rainer Brechtken.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich das Kunstturnen rasant weiterentwickelt. Der legendäre Gienger-Salto, mit dem der Deutsche Eberhard Gienger 1974 Reck-Weltmeister wurde, gehört inzwischen zum Repertoire jedes mittelmäßigen Turners. Weltmeister und Olympiasieger vollziehen immer spektakulärere Kunststücke. Die Entwicklung der Turngeräte trägt dazu bei: Bruchsichere Reckstangen sind elastischer und erlauben spektakulärere Flugteile. Niedersprungmatten, die Gelenke und Wirbel schonen sollen, verleiten zu riskanten Abgängen. Der Sprungtisch, der vor kurzem das Pferd abgelöst hat, vergrößert die Sicherheit beim Abdruck und ermöglicht damit Salti und Schrauben, die zuvor undenkbar waren.

Andererseits würde kein verantwortungsbewusster Trainer seinen Athleten Übungen probieren lassen, für die der nicht die körperlichen Voraussetzungen hat. Auch Ziesmer hat den Sprung, bei dem er verunglückt ist, schon tausende Male geübt – und sich nie dabei verletzt. Trainer und Funktionäre sind ohnehin schon sensibel. Sind junge Turner in einer Wachstumsphase besonders verletzungsanfällig, dürfen sie bestimmte Bewegungen nicht mehr machen. Und es wurden schon Turnerinnen auf ärztlichen Rat wegen einer schiefen Wirbelsäule aus einem deutschen Kader verbannt, obwohl sie noch kein einziges Mal Schmerzen hatten.

In anderen Ländern wie Nordkorea oder Rumänien, aber auch in Spanien und den USA wird weniger Rücksicht auf die Gesundheit der Turner genommen. Der bessere Schutz der deutschen Athleten hat nach Ansicht von Experten aber auch seinen Preis: Die Deutschen gewinnen im internationalen Vergleich weniger Medaillen.

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