Sport : Jedes Jahr eine Revolution

Durch häufige Regeländerungen soll Tischtennis spannender werden

Friedhard Teuffel[Bremen]

Der Revolutionär des Tischtennis ist ein kleiner Mann mit wachen Augen, er trägt Brille, Vollbart und meist etwas zu große Sakkos. In einer Loge der Bremer Stadthalle hat er sein Revolutionsbüro eingerichtet, weil in Bremen gerade die Mannschafts-Weltmeisterschaft stattfindet. Dort ist auch schnell zu erkennen, wie viel Macht er besitzt. Vor der Tür wartet eine Delegation nach der anderen, manche bringen ihm etwas mit, sei es ein gemaltes Porträt von ihm oder eine Schweizer Uhr. Sie tun das vielleicht aus Angst, dass die Revolution sie einmal benachteiligen könnte, vielleicht aber auch einfach aus Anerkennung. Seit Adham Sharara 1999 zum Präsidenten des Internationalen Tischtennis-Verbandes gewählt wurde, ist seine Sportart schließlich nicht mehr wiederzuerkennen.

Jedes Jahr eine große Veränderung, das ist Shararas Rhythmus. Es begann 2001, als der Weltverband einen größeren Ball einführte, 40 Millimeter im Durchmesser statt bisher 38. Er sollte die Ballwechsel länger und schöner machen und leichter einzufangen sein von den Fernsehkameras. Ein Jahr später wurde die Zählweise verändert, zum Satzgewinn reichen jetzt schon elf Punkte, nicht mehr 21. Und eine neue Aufschlagregel sorgte anschließend dafür, dass der Aufschläger den Ball nicht mehr mit dem Arm verdecken darf. Wie es der 53 Jahre alte Kanadier Sharara geschafft hat, so viel durchzusetzen, auch gegen die traditionsbewusste Tischtennis-Großmacht China? „Sie brauchen nur ein Gewehr“, sagt er, zielt auf sein Gegenüber und lacht.

In Wirklichkeit hat Sharara einfach sehr viel Überzeugungsarbeit geleistet, er hat viel mit den Nationalverbänden geredet, ihnen immer wieder Folien und Grafiken gezeigt. Und sie haben ihm wohl abgenommen, dass er es gut mit ihrem Sport meint, nicht nur mit sich selbst, und auch weiß, wovon er spricht. Sharara, der in Kairo geboren wurde und Ingenieur für Elektrotechnik ist, hat immerhin in der kanadischen Nationalmannschaft gespielt und sie anschließend auch trainiert. Mit seinem Werk ist Sharara aber noch nicht zufrieden. Er setzt sich aufrecht hin und sagt: „Die neue Zählweise hat das Spiel spannender gemacht. Wenn das Spiel langweilig ist, dann ist es jetzt schnell vorbei, und es gibt viel mehr knappe Spiele und Überraschungen. Aber mit dem Ball bin ich noch nicht ganz einverstanden.“ Der größere Ball fliegt mittlerweile fast genauso schnell wie der alte, und viel besser im Fernsehen zu sehen ist er auch nicht. Zufrieden sein kann Sharara auch damit nicht, dass seine Veränderungen unterschiedlich angenommen werden. Zum einen nützt manches nur dem Spitzensport und nicht der Basis des Tischtennis. Zum anderen gibt es regionale Unterschiede. Seine Maßnahmen haben in Asien, vor allem in China und Japan, einen neuen Tischtennisboom ausgelöst. Von der Mannschafts-WM in Bremen hat der Weltverband erstmals nicht nur Fernsehrechte an das chinesische Staatsfernsehen CCTV verkauft, sondern auch noch an fünf regionale chinesische Fernsehsender, und der japanische Kanal Tokyo TV überträgt die WM schon seit dem ersten Tag. In Europa jedoch stagniert die Entwicklung. Die Spieler werden nicht mehr, im Vergleich mit den Asiaten nicht besser, und das Fernsehen hält sich auch noch zurück. Sharara hat dagegen ein einfaches Mittel: „Wir brauchen noch mehr Veränderungen. Durch unsere Maßnahmen ist Tischtennis auf jeden Fall interessanter geworden.“

Zurzeit macht die Revolution aber eine kleine Verschnaufpause. „Wir brauchen auch eine Phase der Stabilisierung“, sagt Sharara. Zurzeit wolle er sich auf die Präsentation von Tischtennis konzentrieren, dass es besser in der Halle aussieht, die Farben schöner sind und Tischtennis vielleicht ein Unterhaltungsereignis wird nach amerikanischem Verständnis. 2007 wartet noch eine große Neuerung. Das Frischkleben wird verboten, ein Verfahren, das die Schläger schneller macht. Danach wird das Spiel ein anderes sein. Nach den Olympischen Spielen in Peking 2008 will Sharara daher eine Bestandsaufnahme machen. Wie die Revolution weitergeht, davon hat er schon einige Vorstellungen. „Wir werden über höhere Netze sprechen“, sagt er. „Und wir könnten den Ball noch einmal größer machen. Aber nicht, wenn ich noch Präsident bin. Sonst bringen sie mich um.“

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