Sport : Jennifer Capriati: Wer lächelt schon in eine Polizeikamera

Benedikt Voigt

Es gibt dieses Foto. Aufgenommen in Coral Gabels zeigt es das Gesicht der Jennifer Capriati. Sie sieht müde aus. Der "Spiegel" schrieb darunter: "Leerer, ahnungsloser Blick." Doch wer lächelt schon, wenn er in eine Polizeikamera blickt, weil er wegen des Besitzes von Marihuana verhaftet wurde? Es ist fast sieben Jahre her, seit dieses Foto geschossen wurde, doch das Bild verfolgt Jennifer Capriati. Immer wieder wird es gedruckt, es soll die Phase ihres Absturzes dokumentieren. In Zeiten von elektronischen Datenbanken ist es schwer, solch ein Zeugnis aus der Vergangenheit vergessen zu machen. Jennifer Capriati versucht es trotzdem, jeden Tag aufs Neue auf dem Tennisplatz.

So auch am Donnerstag um zehn Uhr morgens auf Platz sechs am Hundekehlesee. Jennifer Capriati ist schon da, ihr Vater steht an der Seite und gibt Anweisungen. Am Nachmittag zog die 25-Jährige dann durch ein 6:2, 7:6 (8:6) über Sandrine Testud ins Viertelfinale der German Open ein. Im zweiten Satz musste die Nummer vier der Welt sogar einen Satzball abwehren. "Diese harten Spiele sind gut für mich, die bereiten einen für die nächsten Spiele vor", sagte Jennifer Capriati bei der Pressekonferenz. Als nächste Gegnerin wartet Conchita Martinez.

Längst macht Jennifer Capriati wieder das, was sie im Leben am besten kann: Tennis spielen. Das tat sie auch nach ihrem Absturz, doch erst in diesem Jahr kehrt der Erfolg zurück. "Das ist das Comeback des Jahrzehnts", sagt der Berliner Turnierdirektor Eberhard Wensky. Zurückgekommen ist sie bei den Australian Open, als sie im Finale Martina Hingis 6:4, 6:3 schlug. Doch was der Nummer vier der Weltrangliste gegenwärtig gelingt, ist noch viel schwerer als ein Comeback: Sie bleibt oben. Nur einmal seit den Australian Open kam sie nicht bei einem Turnier ins Finale. "Ich denke, dass mir nicht mehr viel zur Spitze fehlt", sagt Jennifer Capriati, "vielleicht noch ein weiterer Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier." Sie meint es ernst mit dem Angriff auf den ersten Platz in der Weltrangliste. "Diese Erwartungen habe ich auch an mich selber".

In Berlin spielt sie zum ersten Mal in diesem Jahr auf Sand, das Turnier dient ihr zur Vorbereitung auf die French Open. Schon einmal hat die kräftige US-Amerikanerin ein bedeutendes Turnier auf Sand gewonnen, bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona, als sie im Finale Stefanie Graf schlug. Doch das war die andere Capriati, der Teeniestar. "Seit jener Zeit bin ich eine bessere Spielerin geworden."

Bei ihrem ersten sportlichen Auftritt in Berlin in diesem Jahr benötigte sie gegen ihre Trainingspartnerin Jelena Dokic einen dritten Satz. Es war ein bisschen, als spielte sie gegen ihre Vergangenheit. Ein Teenager mit einem strengen Vater, wie es die 18-jährige Jelena Dokic ist, das war Capriati auch einmal. Jetzt ist sie eine 25-jährige Frau, deren erster Versuch gescheitert ist, sich vom Vater zu lösen. Stefano Capriati ist wieder der wichtigste Mann an ihrer Seite. Sie bemüht das alte Erfolgsmuster, und versucht die Zeit dazwischen zu überspielen. Wenn Fragen nach ihrer Vergangenheit wittert, dann sagt sie: "Ich rede nur über Tennis."

Da kennt sie sich inzwischen aus. Nach dem Sieg über Dokic wurde sie um einen Ratschlag für die 18-Jährige gebeten. "Um bis nach ganz oben zu schaffen braucht man nicht nur Tennis - man braucht alles." Niemand weiß das besser als Jennifer Capriati.

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