Jenny Wolf im Interview : "Eisprinzessin wollte ich nie werden"

Sie ist mit DDR-Literatur aufgewachsen, ganz besonders schätzt sie Christoph Hein. Wie Berlins Eisschnelllauf-Weltmeisterin Jenny Wolf im Trainingslager mit James Joyce und Hanteln kämpft.

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Eisprinzessin wollte sie nie werden, doch heute ist sie die schnellste Frau der Welt.
Eisprinzessin wollte sie nie werden, doch heute ist sie die schnellste Frau der Welt.Foto: REU

Frau Wolf, wir treffen uns in der Kantine des Sportforums Hohenschönhausen. Kiefernholztische, braune Fliesen …

Und das sah hier auch Ende der 80er Jahre schon so aus. Da empfinde ich fast Heimatgefühle.

So stellt man sich keine Kaderschmiede für Weltstars vor. Sie selbst sitzen mit Jeans, Hemd und Weste am Tisch.

Ich bin nicht so eine Shopping-Queen, die jedes Wochenende eine neue Hose braucht.

Sie sind inzwischen das Gesicht des deutschen Eisschnelllaufs, nachdem Claudia Pechstein wegen Dopings gesperrt war. Frau Pechstein bekommt weiterhin viel Aufmerksamkeit, zuletzt durch ihre Autobiografie. Haben Sie die gelesen?

Wenn ich was wissen will, kann ich sie fragen. Wir trainieren ja in derselben Halle, nur zu unterschiedlichen Zeiten. Ich glaube nicht, dass mir das Buch inhaltlich etwas Neues bietet.

Wir hofften, Sie könnten etwas über die literarische Qualität des Buches sagen. Sie haben neben der Sportkarriere Neue Deutsche Literatur studiert, das ist fast einmalig unter Sportlern. Die meisten sind Polizisten oder bei der Bundeswehr.

Claudias Buch wird sicherlich kein literarischer Klassiker. Bei Autobiografien von Sportlern ist es recht selten, dass schriftstellerische Qualität dahintersteckt. Das Buch von Kunstturner Fabian Hambüchen fällt mir da als gutes Beispiel ein. Aber ich habe zurzeit andere Bücher auf dem Stapel.

Zum Beispiel?

Einige Sachbücher über den Krieg im Irak, darunter „The Good Soldiers“ von David Finkel. Von Alice Munro habe ich „Wir vom Castle Rock“ angefangen. Und ich lese noch an der Autobiografie von Heiner Müller. Ich lese oft mehrere Werke gleichzeitig, früher habe ich immer eines in der Straßenbahn und ein anderes zu Hause gelesen.

Tauschen Sie sich mit anderen Sportlern über die Bücher aus?

Momentan nicht. Früher konnte ich mit dem Jan Friesinger stundenlang über Literatur und Philosophie reden.

Der Eisschnellläufer hat Philosophie studiert.

Er hat mir Heidegger empfohlen. Harte Kost. Damit habe ich mich echt schwergetan.

Sie lesen lieber Christoph Hein.

Sie liest mehrere Bücher gleichzeitig und hat früher stundenlang mit ihrem Kollegen Jan Friesinger über Literatur und Philosophie diskutiert.
Sie liest mehrere Bücher gleichzeitig und hat früher stundenlang mit ihrem Kollegen Jan Friesinger über Literatur und Philosophie...Foto: REU


Ich habe ihn mit den Nachwendebüchern kennengelernt. „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ war das erste, was mir in die Finger fiel. Diese nachempfundene Geschichte einer RAF-Terroristin hat mich berührt. Erst nach diesem Roman habe ich die Werke entdeckt, die er vor 1989 geschrieben hat. Seine zurückgenommene Erzählweise fasziniert mich, er schreibt so entspannt. Bei Hein habe ich keine Sekunde das Gefühl, dass ich Zeit verschwende. Er ist mein Lieblingsschriftsteller.

Warum sind Sie nach der Wende bei DDR-Literatur geblieben?

Ich wollte mich mit der Zeit beschäftigen, in der meine Eltern ihre Jugend verbracht haben. Und Bücher aus der DDR sind nicht die schlechtesten.

Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt, von der DDR-Literatur werde nicht viel übrig bleiben.

Das glaube ich nicht. Es wird immer Klassiker geben:  Hermann Kants „Die Aula“, Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“, einige Bücher von Anna Seghers.

Sind Ihnen ostdeutsche Autoren wie Ingo Schulze oder Uwe Tellkamp generell lieber als westdeutsche?

Ja, da greife ich eher zu. Weil ich Dinge wiedererkenne. Die Stimmung gefällt mir besser, die Unaufgeregtheit des Tons, die größere Gelassenheit.

Grelle amerikanische Autoren wie Bret Easton Ellis sind also nicht so Ihr Fall?

Ich habe mal „Fight Club“ von Chuck Palahniuk gelesen, das war zwar eine neue Sprache, aber vieles hat sich für mich nach einer Weile wiederholt. Ich brauche sympathische Charaktere, eine ordentliche Figurenaufstellung und eine gute Geschichte. Das gab es da nicht.

Sie haben zu Hause 1000 Bücher im Regal. Wie entscheiden Sie sich, welches Buch Sie anschaffen?

Oft habe ich einen Titel im Hinterkopf, weil Freunde ihn mir empfohlen haben oder im Fernsehen ein Bericht darüber lief. Ich schaue meistens „Kulturzeit“, dort tauchen die Bücher auf, die später auch in „ttt“ oder „aspekte“ behandelt werden. Da kann ich mir diese Sendungen sparen. Bevor ich in ein Trainingslager fahre, decke ich mich mit vier bis fünf Büchern ein, entweder online oder bei Dussmann. Da schaue ich, was auf den Tischen liegt. Wenn ich den Autor schon kenne, ist das ein Plus. Und bei manchen Verlagen kann man nicht viel falsch machen – Suhrkamp zum Beispiel.

Nach welchem System sortieren Sie?

Alphabetisch nach Autoren. Das fängt links oben bei Ilse Aichinger an und hört mit Arnold Zweig auf.

Verleihen Sie Bücher?

Ungern. Ich mache es manchmal, aber ich weiß schon, dass ich sie nicht wiederbekomme. Eines liegt noch bei meinem Vater, das gibt er wohl demnächst zurück, das ist von Tolstois Frau Tolstaja – „Eine Frage der Schuld“.

Sortieren Sie Bücher aus?

Niemals. Ich habe nicht mal meine Stephen-King-Schmöker weggeworfen. Das waren billige Taschenbücher, die ich als Kind heimlich im Unterricht gelesen habe.

Ihre Magisterarbeit haben Sie hingegen über Holocaust-Literatur geschrieben.

Über Kinderbücher, die das Thema behandeln. „Die toten Engel“ von Bruckner, „Sternkinder“ von Clara Asscher-Pinkhof. Ich wollte herausfinden, wie sensibel man bei so einem Thema mit der Fiktionalität umgehen darf. Die Geschichten sind zum Teil grausam, aber man kann Kindern nicht sagen: Ist ja nicht schlimm, das ist nur erfunden.

Was empfinden Sie als leicht zu lesen?

Sprachlich finde ich die Bücher über den Afghanistan-Krieg leicht, weil sie journalistisch geschrieben sind. Die interessieren mich, weil mein Mann bei der Bundeswehr arbeitet und einmal 2006 in Afghanistan war.

Und was steht auf Ihrer Liste: Muss ich noch lesen?

Ich habe noch nie Dickens gelesen, da müsste ich noch mal ran. In der deutschen Literatur gibt es auch Lücken, von Goethe habe ich nicht alles durch.

Sie klingen wie eine systematische Leserin, die viel abdecken will. Gab es nie ein Buch, das Sie mal aufgerüttelt hat?

Nein, dafür habe ich zu viel und zu schnell gelesen. Das kommt vielleicht erst, wenn ich die Romane erneut lese. Ich bin nicht der Typ, der sich aus einem Buch Lebensweisheiten zieht.

Interessiert Sie dann überhaupt die Leipziger Buchmesse, die bald stattfindet?

Klar. Nach dem Abitur war ich mit meiner Mutter fast jedes Jahr dort, weil die Messe günstig nach der Eislaufsaison lag. Mittlerweile schaffe ich das nicht mehr. Ich erinnere mich an 2003, als wir in den Glashallen standen, der Einmarsch in den Irak fand gerade statt, die Menschen standen in stummen Trauben vor den Bildschirmen und schauten zu, wie die Amerikaner Städte bombardierten. Das war eine ganz seltsame Stimmung.

Haben Sie sich daran erinnert, als Ihr Mann in Afghanistan war?

Nein, 2006 war es zum Glück ruhig. Als Ehefrau wäre ich froh, wenn er nicht noch einmal hinunter muss. Er ist im Panzerbataillon Torgelow stationiert, die Gefahr besteht also. Ich versuche so viel wie möglich über das Land zu erfahren, um die Situation besser zu verstehen.

Wer hat Sie an das Bücherlesen herangeführt?

Meine Eltern schenkten mir Bücher, sobald ich lesen konnte. Alexander Wolkows Märchen wie „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ habe ich verschlungen.

Hatten Sie als Mädchen die „Hanni und Nanni“-Bücher aus dem Westen?

Davon habe ich nichts mitbekommen, weil es in meiner Familie unüblich war, West-Literatur zu lesen oder sogar West-Fernsehen zu gucken. Es gab nur DDR 1 und DDR 2. Sendungen wie „Brummkreisel“, das war eine Kindersendung um 17 Uhr.

Sie haben eine parteikonforme Erziehung genossen?

Ja, das würde ich schon sagen. Wenn ich mich an das Regal meiner Eltern erinnere, da standen Bruno Apitz, „Nackt unter Wölfen“, oder „Sonjas Rapport“ von Ruth Werner, die Kundschaftergeschichte einer Kommunistin.

Sie scheuen anspruchsvolle Literatur nicht mal im Trainingslager. „Ulysses“ von James Joyce haben Sie dort durchgeackert, 100 Seiten pro Tag.

Das war der Ehrgeiz, den ich auch im Sport habe. Ich hab’ mich durchgebissen.

Es muss anstrengend sein, neben den Strapazen eines Trainingslagers auch noch Joyce zu lesen.

Es gibt einen Trainingsort, oben in den Pyrenäen. Da haben wir keinen Fernsehen, kaum Internet, da bleibt mir gar nichts anderes übrig, als zu lesen. Ich stehe um 7 Uhr 15 Uhr auf, um 7 Uhr 30 nimmt mir jemand Blut ab, ab 8 Uhr 30 ist die erste Trainingseinheit. Klar, mittags nach dem ersten Training schaffe ich es nicht, zu lesen, da falle ich in einen Mittagsschlaf. Aber zwischen Frühstück und Training habe ich eine halbe Stunde Zeit, abends vor dem Einschlafen zwei.

Angefangen haben Sie mit dem Eisschnelllauf Ende der 80er Jahre. Damals lief Kati Witt auf dem Eis. Warum haben Sie nicht Eiskunstlauf gewählt?

Eine Eisprinzessin wollte ich nie werden. Ich habe lieber mit Autos gespielt und bin mit Jungs auf die Bäume geklettert. Mit Kleidchen auf dem Eis? Ein schrecklicher Gedanke. Meine Eltern haben mir als Siebenjähriger Schlittschuhe geschenkt, und weil sie sowieso wollten, dass ich Sport mache, haben sie mich beim Eislaufverband angemeldet.

Hingen in Ihrem Zimmer Poster der großen DDR-Eisschnelllauf-Stars?

Plakate nicht, aber ich habe alle Berichte über Christa Luding-Rothenburger gesammelt. Die gewann sowohl im Winter als auch im Sommer olympische Medaillen …

… im Sommer fuhr sie Radrennen.

Sie war mein großes Vorbild. Klar, Kati Witt war eine Berühmtheit. Witzigerweise hat sie damals hier im Foyer des Sportforums Autogramme gegeben. Ich bin natürlich hin, aber das wurde zur herben Enttäuschung: Ich habe keine Karte mehr abgekriegt. Das ist mir bis heute eine Lehre. Ich habe immer genug Autogrammkarten bei mir, damit ich keinen Fan abwimmeln muss.

Sie kamen 1990 als Neunjährige in die Kinder- und Jugendsportschule, der erste Jahrgang nach der Wende. Hätten Sie es noch zu DDR-Zeiten an die KJS geschafft?

Nein. Da wurden bloß drei, vier Schüler pro Jahrgang aufgenommen. Dafür war ich zu schlecht. Aber nach der Wende waren die Anforderungen nicht so hoch, wir waren eine komplette Klasse mit Eisschnellläuferinnen und Eisschnellläufern.

Sie waren …

… einfach zu langsam.

Schwer vorstellbar. Sie sind Spezialistin für die Kurzstrecke, Weltmeisterin, Sie haben den Weltrekord mit 37,00 Sekunden und den Gesamt-Weltcup gewonnen.

Ich hatte mit 17 meinen Durchbruch. Plötzlich habe ich auf den ersten 100 Metern die Erwachsenen geschlagen, da war klar, darauf kann man aufbauen. Seitdem wurde ich sehr gefördert.

Sie erreichen bis zu 60 Stundenkilometer. Wie spüren Sie in den Kurven die Fliehkräfte?

Ich spüre sie nur, wenn ich technisch nicht mehr gut laufe, weil die Kraft fehlt. Dann mache ich auf, richte mich auf und habe keine Chance mehr.

Sie knallen auf das betonharte Eis. Das muss richtig wehtun.

Auf dem Eis rutsche ich, das ist nicht so schlimm. Aber dann knalle ich gegen die Bande. Wichtig ist, mit dem Rücken oder dem Hintern hineinzurutschen, nicht mit den Füßen oder dem Kopf!

Ab und zu laufen Sie auch die Distanz von 1000 Metern. Claudia Pechstein sagt, ab 600 Metern setzen brutale Schmerzen ein.

Ich merke, dass mir die Luft langsam ausgeht, und 200 Meter vor dem Ziel weiß ich nicht, wie ich laufen soll, so weh tun mir die Beine. Aber richtig schlimm wird es nach dem Rennen. Da bekommt man keine Luft mehr, die Beine brennen. Da wird es einem ganz schummerig. Nach drei Minuten wird’s besser, da kann man sich zumindest wieder bewegen, aber diese drei Minuten muss man erst mal überstehen. Ich versuche, Haltung zu bewahren und zu lächeln, damit ich vor den Zuschauern nicht mit schmerzverzerrtem Gesicht dasitze.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Weltrekord?

Sehr gut sogar. Das war bei der WM 2007 in Salt Lake City im zweiten Lauf. Ich lag auf dem zweiten Platz, eigentlich wollte ich mir bloß die Silbermedaille sichern. Aber nach 300 Metern hatte ich eine Superposition, den perfekten Druck der Schlittschuhe aufs Eis, da wusste ich schon, hey, besser kannst du es nicht machen. Und dann Weltrekord, das war einfach unglaublich.

Ihre bitterste Niederlage erlebten Sie bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver, als Sie hinter der Südkoreanerin Lee Sang-Hwa über 500 Meter nur Platz zwei erreichten. Sind Sie darüber schon weg?

Natürlich nicht. Da analysiere ich immer noch. Aber nicht mal den Lauf selber, eher das Vorbereitungsprogramm. Ich habe ja alle Daten und Belastungen notiert. Ich habe Kniebeugen mit Gewichten bis 140 Kilogramm gemacht, war stundenlang im Kraftraum, habe intensiv Technik trainiert.

Und?

Nichts. Ich weiß bis heute nicht, woran es lag. Ich war superfit, aber ich lief nicht so, wie ich sollte. Vorwerfen kann ich mir nichts.

Wie schwer fiel es Ihnen, der Gewinnerin zu gratulieren?

Sie hat verdient gewonnen, sie ist in Vancouver so schnell gelaufen wie noch nie zuvor. Dafür hat sie meinen Respekt. Ich denke jetzt nicht: Die blöde Kuh hat mir mein Gold weggeschnappt. Aber ich verrate Ihnen was: Ich konnte lange Zeit nicht koreanisch essen gehen. Das Essen war automatisch mit dieser Niederlage verbunden.

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