Jenny Wolf : Provozierend gelassen

Sie ist selbstbewusster geworden, sie formuliert klar ihre Ansprüche, sie geht mit Sponsoren und Medien viel lockerer um als früher. Aber beim Eisschnelllauf-Weltcup in Berlin zeigt Jenny Wolf, dass sie immer noch geerdet ist.

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Alles im Griff. Weltmeisterin Jenny Wolf aus Berlin strahlt auf dem Eis vor allem viel Ruhe aus.
Alles im Griff. Weltmeisterin Jenny Wolf aus Berlin strahlt auf dem Eis vor allem viel Ruhe aus.Foto: dpa

Berlin - Sie wollte das einfach mal, ausbrechen aus dem bekannten Trott, mal was Neues probieren, mal ganz für sich sein, ohne Gruppe und Dynamik. Deshalb hat Jenny Wolf in der Saisonvorbereitung ein paar Wochen lang ganz allein trainiert. Wolf ist jetzt 31, sie dominiert seit Jahren den Sprint im Eisschnelllauf, sie hat die Erfahrung, das Risiko war gering. „Sie wollte das einfach mal.“ Das sagt Thomas Schubert, ihr Trainer. Er ließ sie machen, er kennt sie seit vielen Jahren. Aber als sie Muskelprobleme bekam, das Hanteltraining nur noch eingeschränkt absolvieren konnte und ein paar Trainingseinheiten sogar komplett verpasste, ist Schubert etwas unruhig geworden.

Doch die Weltmeisterin aus Berlin ist so präsent wie immer. Am Freitag hatte sie beim Weltcup in der Eisschnelllauf-Halle in Hohenschönhausen schon über 500 Meter gewonnen, sie hatte damit ihren 53. Weltcupsieg erreicht. Am Samstag gewann Wolf dann auch das zweite Rennen über diese Distanz souverän und war dabei noch einmal eine Zehntelsekunde schneller. „Hier in Berlin zu gewinnen, ist immer ein tolles Gefühl“, sagte Wolf. „Meine Familie ist da und hat mich angefeuert.“

Vor allem hatte die Literaturwissenschaftlerin, die dazu noch Marketing studiert, am Freitag die Olympiasiegerin Lee Sang-Hwa aus Südkorea besiegt. „Olympiasiegerin Sang-Hwa“, das hört Wolf äußerst ungern. Die Goldmedaille hätte ihr zugestanden, so sieht sie das. Vor den Olympischen Spielen hatte Wolf verkündet, dass sie selbstverständlich die Goldkandidatin sei. Aber im entscheidenden Moment spielten ihre Nerven nicht mit, sie holte Silber. Manchmal tut das immer noch weh. „Ich habe es noch nicht ganz verkraftet“, sagte sie vor dem Weltcup in Berlin. Schubert erklärt zwar, dass die Geschichte „abgehakt ist“, aber so muss er reden als pragmatischer Trainer, der sich nicht mit Negativem aufhalten kann.

Jenny Wolf ist selbstbewusster geworden, sie formuliert klar ihre Ansprüche, sie geht mit Sponsoren und Medien viel lockerer um als früher. Aber sie ist immer noch geerdet. Den Selbstdarstellungsdrang von Anni Friesinger und Claudia Pechstein spürt sie nicht. Doch da ist die Lücke: Friesinger ist zurückgetreten, Pechstein gesperrt, jemand muss jetzt die erfahrene Stütze sein für die jungen Athletinnen. Die Frau, an der sich die anderen aufrichten können. Die gesundheitlich angeschlagene Friesinger konnte das zuletzt nur bedingt sein, Pechstein sowieso nicht, aber jetzt ist die Stelle völlig frei.

Natürlich besetzt Jenny Wolf nun diese Rolle. Sie macht es nur nicht offensiv. Sie redet sich nicht in eine Führungsrolle, sie reklamiert nicht die Deutungshoheit im Team, das ist unverändert. „So ist sie einfach nicht“, sagt Schubert. „Natürlich ist jemand wie sie mit ihren Erfolgen automatisch eine Leitfigur. Aber man muss sie ja nicht noch in diese Rolle drängen.“ Jenny Wolf jedenfalls drängt sich nicht vor.

Muss sie auch gar nicht, sie muss eigentlich nur präsent sein. Das genügt derzeit vollkommen, sagt Helge Jasch, der Teamchef der deutschen Eisschnellläufer. „Die anderen orientieren sich schon an ihr.“ Aber in erster Linie sportlich. „Die sehen ja auch, wie sie einen Wettkampf angeht, wie sie mit dem Druck umgeht und welche Ruhe sie ausstrahlt.“ Diese Ruhe ist ein Markenzeichen von Jenny Wolf. Die äußerliche Ruhe, die Gesten, die fast provozierend gelassen wirken. „Es muss ja niemand sehen, wie aggressiv ich dann auf der Bahn bin“, sagt Wolf. Dass sie immer noch Probleme in der zweiten Innenkurve hat, sehen sowieso alle. Aber niemand soll erkennen, wie sehr sie dieses Problem belastet.

Heute, am letzten Tag des Weltcups, erlebt man im Sportforum Höhenschönhausen ohnehin eine äußerst gelassene Jenny Wolf: Die Weltmeisterin schreibt Autogramme.

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