Jens Lehmann : Anhaltende Demütigung

Nationaltorwart Jens Lehmann findet vor dem Zypern-Spiel keine Erklärung für seine Situation im Verein.

Stefan Hermanns[Hannover]
Lehmann
Für Jens Lehmann lohnt sich das Training zur Zeit nur in der Nationalmannschaft. -Foto: dpa

Der gemeine Fan stellt sich das Leben eines Fußballprofis als eine Art himmlische Existenz auf Erden vor. Das ist eine sehr naive Sicht. Auch Fußballer hegen unerfüllte Wünsche. Jens Lehmann zum Beispiel, Torwart beim FC Arsenal und in der deutschen Nationalmannschaft, „wäre gern in der Gedankenwelt meines Trainers“. Das kann man gut verstehen, weil Lehmann dann wüsste, was sein Trainer Arsène Wenger bei Arsenal noch mit ihm vorhat. Andererseits wäre man auch gerne mal in der Gedankenwelt von Jens Lehmann, weil man dann wüsste, was Lehmann eigentlich mit sich selbst vorhat: Vor einer Woche hat er angekündigt, sich auch einen Wechsel in die Zweite Liga vorstellen zu können, um seine Teilnahme bei der Europameisterschaft im nächsten Sommer nicht zu gefährden. Gestern kündigte Lehmann, vor allem aus Rücksicht auf seine Familie, an: „Es kann passieren, dass ich, selbst wenn ich nicht spiele, vielleicht die ganze Zeit bei Arsenal bleibe.“

Ziemlich viele Vielleichts und Kanns und Wenns für einen Spieler, der in der Planung des Bundestrainers eine Ohne-wenn-und-aber-Rolle spielt: Lehmann ist als Nummer eins für die EM vorgesehen. Aber Klarheit und Gewissheit schwinden in dieser Personalie von Länderspiel zu Länderspiel. Im September hatte Lehmann seine baldige Rückkehr ins Tor beim FC Arsenal vorhergesagt, im Oktober hatte Bundestrainer Joachim Löw voller Hoffnung verordnet: „Nur weil er ein paar Wochen nicht spielt, verliert er sein Können nicht.“ Doch aus den paar Wochen sind inzwischen dreizehn geworden.

Am 19. August hat Lehmann zuletzt für Arsenal gespielt, seitdem steht der Spanier Manuel Almunia im Tor, ein Torhüter, der leidlich funktioniert, aber nicht im Ruf steht, seiner Mannschaft Spiele zu gewinnen. Lehmanns Problem ist, dass Almunia seiner Mannschaft bisher auch noch keine Spiele verloren hat: Arsenal ist seit 26 Pflichtspielen unbesiegt. „Die Mannschaft funktioniert“, sagt Wenger. „So einfach ist das.“

Für Lehmann ist schon lange nichts mehr einfach: Zum einen muss er seinen Anspruch klar formulieren, zum anderen darf er weder seinen Konkurrenten noch Wenger offen angreifen. Einmal hat Lehmann die Grenze der guten Sitten überschritten, als er in einem Fernsehinterview eine explizite Warnung an seinen Trainer aussprach: „Man sollte einen Spieler nicht zu lange demütigen.“ Ein Missverständnis, sagt Lehmann jetzt, er habe nur auf eine Aussage Wengers Bezug genommen, der ihm erklärt hatte: „Demütigung ist Teil eines öffentlichen Jobs.“

Trotzdem dauert Lehmann die Demütigung mittlerweile ein bisschen zu lange. Vielleicht würde er mit inzwischen 38 Jahren gelassener mit seiner Situationen umgehen, wenn er nicht das Gefühl hätte, seiner Biografie fehlte noch ein wichtiges Kapitel. „Ich will in jedem Fall zur Euro“, sagt er. Gegen Zypern wird der Torhüter heute sein 50. Länderspiel bestreiten, eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass seine Karriere in der Nationalmannschaft erst nach der EM 2004 richtig losging, als Lehmann zum gleichberechtigten Konkurrenten für Oliver Kahn befördert wurde. Im Grunde ist das der Schlüssel zu Lehmanns Gedankenwelt und zu seiner offensiven Selbstgewissheit: Wer das Duell mit Kahn gewinnt, kann gegen Almunia gar nicht verlieren. Alles andere wäre ein Witz. Das Thema lasse sich auf eine Frage reduzieren, sagt Lehmann: „Ist der Torwart, der spielt, besser als ich? Wenn nicht, warum spiele ich dann nicht?“

Dass Lehmann sich seine Situation rational nicht erklären kann, hat ihn überhaupt erst gefügig gemacht, über eine irrationale Lösung wie den Wechsel zu einem Zweitligisten nachzudenken. Selbst Bundestrainer Löw stellt inzwischen die Grundsatzfrage: „Gibt es für ihn bei Arsenal überhaupt noch eine Chance? Oder gibt es definitiv keine mehr?“ Entscheidend ist das vor allem im Hinblick auf die EM. Für die letzten beiden Länderspiele des Jahres stellt Lehmanns fehlende Wettkampfpraxis kein Problem dar. Torwarttrainer Andreas Köpke hat sogar eine erfreuliche Feststellung gemacht: „Jens kommt gut erholt und ausgeruht zur Nationalmannschaft.“ Nur mit allzu guter Laune kann Jens Lehmann im Moment leider nicht dienen.

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