Jens Todt bei EM 1996 : "Einmal Tourist und einmal Spieler"

Jonathan Tahs Nachnominierung für die EM in Frankreich ist im Vergleich zu der von Jens Todt für das Turnier 1996 eher unspektakulär. Warum? Das erklärt der aktuelle Sportdirektor des Karlsruher SC im Interview.

Romano Ussat
Jens Todt (2. v. r, untere Reihe) darf sich Europameister 1996 nennen, obwohl er nur beim Finale dabei war und dort nicht zum Einsatz kam.
Jens Todt (2. v. r, untere Reihe) darf sich Europameister 1996 nennen, obwohl er nur beim Finale dabei war und dort nicht zum...Foto: Imago

Herr Todt, Sie haben von Ihrer Nominierung für die EM 1996 in einem Restaurant erfahren. Wie lief das damals genau ab?

Ich saß am Abend mit meiner Frau bei einem Italiener in der Bremer Innenstadt. Dann kam gegen 20.30 Uhr der Anruf von Berti Vogts. Er sagte: „Wir haben so viele Verletzte, dass eine Sonderregelung genehmigt wurde und ein Spieler für das Finale nachnominiert werden darf. Der Flug geht morgen früh um 8 Uhr von Bremen nach London.“ Dann haben wir die Rechnung bezahlt, sind nach Hause und haben unsere Sachen gepackt. Nach dem Flug ging es direkt zur Pressekonferenz und dann ins Hotel der Mannschaft. Ja, so war das damals.

Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Ich fand das schon toll. Das Lustige ist: Drei Tage vorher hatten wir mit der Mannschaft von Werder Bremen, zu der ich damals gewechselt war, einen kleinen Betriebsausflug nach London gemacht, um das Halbfinale Deutschland gegen England zu sehen. Ich war dann einmal als Tourist und einmal als Spieler bei der EM.

Können Sie sich noch an Ihren Empfang in der Nationalmannschaft erinnern?

Die meisten kannte ich ja schon, weil ich in den Jahren ´94 und ´96 oft zumindest im Kader schon mal dabei war. Es waren ja auch meine neuen Bremer Kollegen im Kader, Marco Bode und Dieter Eilts. Also gab´s da damals keine Befangenheit.

Konnten Sie den EM-Sieg denn dann richtig genießen?

Ja, das ist natürlich ein Unterschied, ob man als halber Tourist kommt. Aber ich habe mich gut gefühlt. Letztlich ist das natürlich gefühlt nur ein halber Titel. Aber es hat Spaß gemacht und ich bin froh, dass ich dabei war.

War nun die Nachnominierung von Jonathan Tah die richtige Wahl?

Dazu möchte ich nichts sagen. Das muss der Bundestrainer beurteilen, nicht der Sportdirektor eines Zweitligisten (lacht). Diese Nominierung ist natürlich etwas anderes als bei mir. Jonathan wurde vor dem Turnier nachnominiert und ich kurz vor dem Finale, aber ich freue mich für ihn. Es ist eine riesige Chance, eine riesige Sache.

Wird er sich im Team nun so ähnlich fühlen wie Sie damals?

Ich glaube, es ist etwas anderes. Ich meine, jedes Turnier ist besonders. Die Deutschen hatten manchmal einen schwierigen Start, man beißt sich zusammen durch, man erlebt etwas zusammen. Mit dem Druck, unter dem man steht, ist das schon anders, als wenn man kurz vor dem Finale nachnominiert wurde.

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