Jermaine Jones : Der Spielefresser

Dynamisch gegen Ball und Gegner: Jermaine Jones gilt im deutschen Fußball als eine Art Torsten Frings der Moderne.

Sven Goldmann
Jermaine Jones
Jermaine Jones (l.) soll dem Schalker Spiel mehr Sicherheit geben. -Foto: dpa

Eine letzte Protokollnotiz. Aufgenommen in Porto, Estadio do Dragao, 23.28 Uhr in der Nacht zu Donnerstag: Jermaine Jones läuft an zum vierten Elfmeter, rechts oben unter der Latte schlägt der Ball ein, der FC Porto ist besiegt und Schalke 04 steht im Viertelfinale der Champions League. Auftrag erfüllt. Niemand wird mehr von Jermaine Jones sprechen in dieser Nacht, alle dagegen von Manuel Neuer. Im Fernsehen laufen die Paraden des Schalker Torhüters rauf und runter, und wenn der entscheidende Elfmeter eingeblendet wird, dann nur aus der fernen Perspektive von Trainer Mirko Slomka, der jubelnd den Platz stürmt, weil ihm gerade der Job gerettet wurde.

Jermaine Jones ist der Mann für Drecksarbeit, und wenn sie mal so attraktiv daherkommt wie in Porto, ist die Rolle des Helden schon für einen anderen reserviert. Jones ist keiner, den die Leute lieben. Die Fans respektieren ihn, vielleicht bewundern sie ihn auch. Für die Härte gegen sich selbst, vor allem aber gegen die anderen. Er grätscht und läuft, als wäre jede Minute auf dem Platz die letzte. Schalkes Manager Andreas Müller nennt ihn „Kampfschwein“, so wie früher Marc Wilmots, den Uefa-Cup-Helden von 1997.

Man kann die Rolle im defensiven Mittelfeld mit spielerischer Leichtigkeit prägen wie der Spanier Cesc Fabregas oder der Franzose Claude Makelele. Jermaine Jones interpretiert sie eher robust. Ungefähr so wie der Bremer Torsten Frings, der sich auch mehr Respekt erarbeitet denn Zuneigung erspielt hat. Von diesem Ruf lebt Frings bis heute, da er kaum noch auf dem Platz steht.

Die Mini-Krise der deutschen Nationalmannschaft in den vergangenen Monaten war vor allem eine Mittelfeldkrise, ausgelöst durch die Verletzungen von Michael Ballack und Torsten Frings. Ballack wird wohl rechtzeitig zur EM seine Bestform erreichen. Und Frings? Bei ihm häufen sich die Verletzungen, in dieser Bundesligasaison hat er erst dreimal mitgespielt. Kritiker merken an, dass der 26-jährige Jermaine Jones in dieser Saison so spielt, wie der 31-jährige Torsten Frings vielleicht nie mehr spielen wird.

Blödsinn, sagt Jones. Das gehört sich so, denn zu viel Selbstbewusstsein macht sich nicht gut für einen, der vor vier Wochen sein erstes Länderspiel gemacht hat. Also sagt Jones, „dass Torsten Frings in den letzten Jahren gezeigt hat, was für ein hervorragender Fußballspieler er ist“. So viel zur bekannten Vergangenheit. Die Zukunft will er in seinem Sinn gestalten, aber auch diesen Anspruch formuliert Jermaine Jones bescheiden: „Simon Rolfes, Thomas Hitzlsperger und ich sind die Kandidaten, die sich fürs defensive Mittelfeld anbieten.“

So ein Gespräch mit Jermaine Jones kann eine zähe Angelegenheit sein. Er sagt nicht viel, und von den wenigen Worten wägt er jedes einzelne genau ab. Das war nicht immer so. Als der „Stern“ vor fünf Jahren nach Deutschlands Stars der Zukunft forschte, empfand der Reporter Jones’ Sätze „länger als die von Thomas Mann“. Es sind ein paar dumme Geschichten über ihn geschrieben worden. Jermaine Jones, Sohn eines amerikanischen Soldaten und einer deutschen Krankenschwester, wuchs auf im Frankfurter Problembezirk Bonames, der in diesen Geschichten so rüberkam wie das Chicago der frühen Dreißigerjahre. Jones spreizt gequält die Lippen. „Bei mir zu Hause gibt es viele Hochhäuser, aber erschossen worden ist da noch keiner.“ Ja, er hat früher ein paar Dummheiten gemacht, die aber nur angehenden Fußballprofis als Dummheiten ausgelegt werden und sonst als Pubertätserscheinungen durchgehen. Feiern und Spaß haben und so. Zum Fußball hat er schon immer einen gewissen Abstand gehalten. Jermaine Jones sagt, er habe nie ein Idol gehabt, nicht mal bei der WM 1990 in Italien, als er gerade acht Jahre alt war und Leute wie Lothar Matthäus oder Rudi Völler groß angesagt waren. „Wir haben uns schon mal ein Spiel angeschaut, aber längst nicht jedes. Da sind wir lieber runter auf die Straße gegangen und haben selbst gespielt.“ So ungefähr wie früher der Berliner Thomas Häßler, der dafür als Deutschlands letzter Straßenfußballer gefeiert wurde. Für Jermaine Jones blieb die Rolle des reich gewordenen Ghettokids mit Piercings, Tattoos und viel zu teuren Autos. Frankfurt hat ihn geprägt. Die Freunde in Bonames, die Zeit bei der Eintracht, vor allem Trainer Friedhelm Funkel, der vor drei Jahren den defensiven Mittelfeldspieler Jones erfunden hat (der Stürmer Jones rannte seine Gegenspieler müde, schoss aber kaum einmal ein Tor). Doch Jermaine Jones hat auch gelitten an seiner Heimatstadt. Als im vergangenen Frühjahr sein Wechsel nach Gelsenkirchen bekannt wurde, beschimpften ihn die Fans als Verräter. Zum Saisonausklang war im Waldstadion eine Jones-Puppe am Galgen zu sehen. Nein danke, hat er gesagt und auf die geplante Verabschiedung verzichtet.

Jermaine Jones weiß, dass ihm in Frankfurt viele ein Scheitern gewünscht haben, soll er doch an seinen Glasknochen zugrunde gehen. „Glasknochen – wenn ich so was schon höre.“ Ja, er war oft verletzt, aber schuld waren nicht muskuläre Probleme, sondern die Tritte der Gegner. Berufsrisiko eines Kampfschweins. Als er Frankfurt im Streit verließ, da blickte er zurück auf gerade 36 Bundesligaspiele. Heute sagt Jermaine Jones, er habe gelernt aus seinen Fehlern. Auch auf dem Fußballplatz. „Jetzt bin ich den einen Schritt schneller am Ball, der mir eine Verletzung erspart.“ Von 21 Schalker Bundesligaspielen hat er nur drei verpasst.

Am Mittwochabend in Porto ist er gelaufen und gesprintet und hat gegrätscht, als sei jede der 120 Minuten die letzte. Für ein Foul sieht er die Gelbe Karte, es ist seine fünfte im sechsten Champions-League-Spiel, damit ist er für das Hinspiel im Viertelfinale gesperrt. In der Verlängerung krempelt Jermaine Jones die Beine seiner Turnhose hoch wie früher wahrscheinlich im Freibad. Zum Elfmeterschießen rollt er die Hosenbeine wieder runter und setzt um 23.28 Uhr den entscheidenden Treffer. Eine letzte Protokollnotiz, bevor Schalke einen anderen Helden feiert.

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