Jerome Boateng : Taten statt Worte

Der frühere Hertha-Profi Jerome Boateng gibt beim HSV ein starkes und furchtloses Debüt.

Karsten Doneck

Hamburg - Franck Ribéry trickste. Rechts herum um den Gegenspieler, links herum um den Gegenspieler. Und forschen Schrittes drang der 25 Millionen Euro teure Star des FC Bayern München danach gefahrbringend in des Gegners Strafraum ein. Womit Ribéry nicht gerechnet hatte: Der Gegenspieler, den er da zuvor zweimal düpiert hatte, setzte ihm noch immer nach – bar jeden Respekts, bar jeder Resignation. Und als der Bayern-Profi zum Torschuss ansetzte, spitzelte ihm der Verfolger Jerome Boateng den Ball tatsächlich noch vom Fuß. Nicht nur auf der Nordtribüne des Stadions, wo sich stets die lautstärksten Fans des Hamburger SV bei den Heimspielen einfinden, brandete orkanartiger Jubel auf.

Jerome Boateng gab am Sonntag beim 1:1 gegen den FC Bayern sein Debüt im Trikot des HSV. Furchtlos und flink, hochkonzentriert und zweikampfstark stemmte er sich dem erwarteten Bayern-Wirbel entgegen, machte die rechte Abwehrseite gegen die Angriffsversuche von Ribéry und Bastian Schweinsteiger dicht. 80 Ballkontakte bescheinigte ihm die Statistik in 90 Minuten. Eine beachtliche Quote, die kein anderer Spieler auf dem Platz erreichte. „Es hat Spaß gemacht“, sagte Boateng hinterher, „die Unterstützung der Fans war super.“ Mehr sagte er nicht. Von Trainer Huub Stevens und Sportchef Dietmar Beiersdorfer war Boateng nach seiner Verpflichtung am 21. August ermahnt worden, statt großer Worte doch erst einmal lieber Taten für sich sprechen zu lassen. Boateng hält sich dran.

Der HSV hatte sich lange intensiv bemüht, Jerome Boateng bei Hertha BSC loszueisen. Huub Stevens, der den Spieler aus seiner Zeit als Hertha-Trainer bestens kannte, war dabei treibende Kraft, Beiersdorfer letztlich nur der Vermittler zwischen Trainer, Aufsichtsrat, Hertha BSC und – als Letztem – dem Spieler. Herthas Manager Dieter Hoeneß hatte bei dem Kaufbegehren der Hamburger erst einmal auf stur geschaltet. 1,5 Millionen Euro forderte Hoeneß – und der Abstand zu den vom HSV anfangs gebotenen 500 000 Euro fiel derart krass aus, dass schon ein Platzen der Verhandlungen drohte, als die noch gar nicht richtig in Gang gekommen waren. Doch Zug um Zug erhöhte der HSV das Angebot. Erschwerend kam hinzu, dass Beiersdorfer jede finanzielle Annäherung an Herthas Forderung erst vom eigenen Aufsichtsrat absegnen lassen musste. Bei 1,1 Millionen Euro war endlich Einigung erzielt.

„Wir haben Jerome Boateng über einen langen Zeitraum beobachtet und sind überzeugt, dass eine Menge Potenzial in ihm steckt“, sagte Beiersdorfer. Dass Boateng so früh seine Chance beim HSV erhielt, verdankt er jedoch eher dem Zufall. Am Freitagabend war Guy Demel, der sonst beim HSV rechter Verteidiger spielt, vom DFB-Sportgericht für vier Spiele gesperrt worden. Eine umstrittene Angelegenheit: Schiedsrichter Michael Weiner hatte im Spiel des HSV in Bochum Demels Attacke gegen VfL-Torjäger Tommy Bechmann gar nicht gesehen und ungeahndet gelassen. Aber es gab Fernsehbilder. Und auf denen entdeckte DFB-Sportrichter Rainer Koch „einen absichtlichen Tritt mit dem Stollen auf einen am Boden liegenden Gegner ohne Kampf um den Ball“. Dass sogar Bechmann für Demel aussagte, änderte die Meinung der Sportrichter nicht, zumal Demel als Wiederholungstäter gilt.

Demels Leid war Boatengs Glück. Der neue Mann erhielt hinterher ein wohldosiertes Lob von Huub Stevens. „Wir kennen seine Qualitäten, und die hat er heute gezeigt“, lobte der Trainer, um aber auch gleich warnend anzumerken: „Das war erst ein ganz kleiner Schritt in seiner Karriere.“ Ein kleiner Schritt, aber zumindest familienintern ein großer: Sein älterer Bruder Kevin-Prince Boateng wurde von Hertha BSC unlängst nach England zu Tottenham Hotspur transferiert – für fast acht Millionen Euro. Kevin-Prince tauchte aber bisher bei Tottenham noch nicht ein einziges Mal im Kader auf.

Jerome Boateng aber hatte selbst am Tag nach dem Bayern-Spiel noch Grund zum Feiern. Er hatte am Montag Geburtstag. Er wurde 19. Karsten Doneck

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