Sport : Jesus und der Fußball-Gott

Der Christ und frühere Profi Wynton Rufer will junge Neuseeländer zu guten Spielern, vor allem aber zu guten Menschen machen

Ingo Petz

Auckland. Als Wynton Rufer 1996 in Neuseeland auf Urlaub vom Fußball in Japan war, wusste er, dass es einen Gott gibt. Keinen Fußballgott, sondern einen allmächtigen. „Ich hatte einen Traum“, sagt Rufer, der einen schwarz-grauen Trainingsanzug trägt, eine kantige, schwarze Brille und einen perfekt sitzenden Kurzhaarschnitt. „Ich muss Neuseeland Fußball beibringen“, sagt er.

Neuseeland und Fußball. Diese Verbindung ist ein wenig tragisch. Denn in Neuseeland regiert der Rugby-Gott. Fußball hat etwa die Popularität von Dressurreiten. Das stört Rufer nicht. Denn: „Jesus gibt mir die Kraft.“ Im Aktuellen Sportstudio des ZDF hat Rufer Moderator Günther Jauch mal eine Bibel geschenkt. Rufer ist ein sehr optimistischer Mensch. Das muss er auch sein. Denn er ist der Missionar im Land des Rugbys. „Natürlich werde ich nicht mal annähernd an Rugby herankommen. Aber hier spielen 60 000 Menschen Fußball, und ich will die Qualität verbessern.“

Überzeugter Christ ist er seit 1986, als er seine australische Frau Lisa kennen lernte und ihm ein Soldat der Heilsarmee in der Schweizer Armee sagte, dass sein Leben im Dreieck Jesus-Lisa-Wynton stattfinden müsse. „Das woor dassch groesschte was mir in mein Läbbe passchiert war“, hat Rufer über die Begegnung mit dem Mann von der Heilsarmee mal in einem Interview für ein schwyzerdütsches Radio gesagt. Denn sein Vater Arthur ist Schweizer und war in den Fünfzigerjahren nach Neuseeland ausgewandert, wo er eine Eingeborene, eine Maori heiratete. Vor 1986 war Rufer vor allem ein Fußballverrückter, der in seiner Zeit bei Schweizer Vereinen zwar Tore schoss, aber auch mit Skandalen von sich reden machte. Es ging um Alkohol, Frauen, Krach mit Mannschaftskollegen und Trainern. „Fußball war meine Religion und Pelé mein Gott.“

Mit Lisa und seinen zwei Kindern kehrte Rufer 1997 zurück in sein südpazifisches Heimatland, das er 1980 als 18-Jähriger in Richtung England verlassen hatte. Er ist viel herumgekommen: Sieben Jahren spielte er in der Schweizer Liga, sechs in Bremen und in Kaiserslautern und zwei in der japanischen J-League. Seine Rückkehr nach Neuseeland war nicht einfach: „Ich war daran gewöhnt, vor 45 000 Zuschauern zu spielen, und hier waren es manchmal 150, darunter 45 Seemöwen und zwei Hunde.“ Von 1999 bis 2001 war Rufer Spielertrainer des einzigen neuseeländischen Profiklubs „Kingz Auckland“. Im Dezember 2001 beendete er seine aktive Karriere, mit 39 Jahren.

Jetzt verwirklicht er seinen Traum: Rufers Fußballschule heißt „Wynrs“ (sprich: Winners) und ist eine gemeinnützige Stiftung. Denn: „Nicht jeder wird ein Weltfußballer, aber jeder hat das Potenzial, ein guter Weltbürger zu werden“, sagt der 41-Jährige. „Wir legen Wert auf den Einklang von Körper, Seele und Geist.“ Das Hauptquartier von „Wynrs“ liegt in Mount Eden, einem Künstlerviertel Aucklands, in dem auch die „Warriors“, der erfolgreiche Rugby-Verein, sein Zuhause hat. Ein großes Schild an dem grauen Gebäude verkündet den Hausherrn: Christian Life Centre. Christliches Lebenszentrum. „Hier ist unsere Schule.“ Wynton Rufer greift zum Knauf und öffnet die Glastür. Eine breite Rezeption. Links weiße Büros. Geradeaus eine Galerie mit Fußball-Trikots. „Hier ist das Büro der Lebensberatung. Sie wissen schon, gebrochene Herzen, Scheidung, Krisen. Dort die Büros einer Sozialarbeiterin, die Prostituierte betreut“, sagt Rufer. Er hastet durch den Gang. „Und hier in den beiden Zimmern machen wir Fußball für Neuseeland.“ Die fußballerische Zukunft Neuseelands sieht noch etwas chaotisch aus. Papiertürme zwischen Computern, Trikots, Taschen und Trophäen. Von den Wänden lachen Lars Ricken, Rudi Völler und die Mannschaft des 1. FC Köln, als sie noch Grund zum Lachen hatte.

Etwa 1000 Kinder hat „Wynrs“ schon in seinem Programm, das Rufer selbst entwickelt hat. Er nennt es Kiwi-Kick. Fußball mit kleinen Bällen, kleinen Toren, auf kleinen Feldern. „Wir wollen die Schnelligkeit, Technik und Ballbeherrschung verbessern“, sagt Rufer, der den brasilianischen Fußball liebt. Einer seiner Schüler, der 13-jährige Maori Mario Hofmann, wurde gerade von einer Frankfurter Fußballschule abgeworben. Zudem gibt es ein Programm, in dem Geduld, Respekt, Verantwortung und Teamarbeit trainiert werden. Mit seinen besten Schülern macht Rufer jedes Jahr eine Reise, zum FC Bayern, nach Bremen, zum 1. FC Köln oder nach Japan. Sie sind die Hoffnung des neuseeländischen Fußballs. Die Nationalmanschaft liegt derzeit auf Rang 70 der Weltrangliste, hinter Burkina Faso. Auch deshalb sagt Rufer manchmal: „Klar vermisse ich Europa.“ Den A-Trainerschein hatte er 1992 in Deutschland gemacht. „Es kommen schon mal Anfragen aus Europa.“ Dann überlegt er, und sagt: „Aber dann bricht doch hier alles zusammen. Ich muss hier bleiben. Für die Kinder, für den Fußball. Gott hat mich berufen.“

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