Sport : Jetzt auch Hincapie

Ein weiterer Ex-Radprofi soll erklärt haben, Lance Armstrong und er hätten sich mit Epo versorgt

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Berlin - Jetzt auch offenbar George Hincapie. Der alte Kumpel. Der einst loyale Teamkollege. Der Mann, der Lance Armstrong früher uneigennützig zur Seite stand. George Hincapie sagte nun, Armstrong und er hätten sich früher gegenseitig mit dem Blutdopingmittel Epo versorgt und den Gebrauch von Testosteron diskutiert. Der nächste Ex-Radprofi, der den siebenmaligen Tour-de-France-Sieger Armstrong als Doper bezeichnet. Oder besser gesagt: bezeichnet haben soll. Der US-Fernsehsender CBS schreibt auf seiner Internetseite vorab aus dem legendären TV-Magazin „60 Minutes“, Hincapie habe Armstrong vor den Bundesbehörden als Doper bezeichnet. Dass Tyler Hamilton, ebenfalls ein Ex-Teamkollege Armstrongs, den Tour-Star beschuldigt hat, ist dagegen sicher: Hamilton redete öffentlich – bei CBS.

Hincapies Anwalt teilte nur mit, dass sein Mandant nicht mit „60 Minutes“ gesprochen habe. Und zu laufenden Ermittlungen werde er nichts sagen. Das heißt freilich gar nichts. Hincapie dementiert ja nicht, dass er gegenüber den Behörden Armstrong angeschwärzt haben soll.

Man kann darüber diskutieren, weshalb Armstrong, der im Frühjahr 2011 seine Karriere beendete, wieder unter Druck gerät. Zwei Antworten liege nahe: Wer vor US-Bundesbehörden falsch aussagt, bekommt beträchtlichen Ärger, das hilft der Wahrheitsfindung. Und wer Armstrong anklagt, muss dagegen keinen Ärger mehr befürchten. Floyd Landis, ehemaliger Tour-Sieger und selber gedopt, hatte Armstrong 2010 als Doper bezeichnet. Die Frist für Armstrong für eine Verleumdungsklage endete vor drei Wochen, nichts passierte.

Über eine dritte Antwort kann nur spekuliert werden, sie liegt aber ebenfalls durchaus nahe: Allmählich klingt es einigermaßen albern und vor allem unglaubwürdig, wenn man Doping bei Spitzenfahrern bestreitet. In den letzten 22 Jahren sind nahezu alle Tour-de-France-Sieger mit Doping in Verbindung gebracht worden. Der Däne Bjarne Riis, Tour-Sieger 1996, gab nach seiner Karriere Doping zu und erzählte vor wenigen Tagen, dass er für Dopingmittel 134 000 Euro ausgegeben habe. Floyd Landis, Sieger 2006, wurde kurz nach seinem Tour-Erfolg entlarvt; die Reihe lässt sich fortsetzen. Nur ein siebenmaliger Tour-de-France-Sieger soll ungedopt gewesen sein? Solange Armstrong nicht verurteilt wurde, muss man das annehmen. Was man glaubt, ist eine andere Sache.

Sechs positive Proben gibt es von Armstrong. Die Proben waren nach seinem Tour-Sieg 1999 eingefroren worden und von einem Pariser Labor analysiert. Nach jener Tour also, bei der Armstrong nach den Angaben von Hamilton auch Epo genommen haben soll. 1999 gab es noch kein Nachweisverfahren für Epo; als der Nachweis möglich war, scheiterte ein Prozess an einer Formalie. Es existierten keine B-Proben.

Landis hatte bei seinen Anklagen auch den Weltverband UCI angegriffen. Der würde gewisse Fahrer schützen, gemeint war auch Armstrong. Denn der galt als Zuschauermagnet, er zog Sponsoren, Fans und Medien an. 2010 musste die UCI zugeben, dass sie von Armstrong 125 000 Dollar erhalten habe. Landis behauptete, mit dem Geld sei ein Dopingbefund bei Armstrong vertuscht worden. Die UCI wies diesen Vorwurf scharf zurück. Die genauen Umstände dieser Geldüberweisung sind nicht bekannt.

Die große Heuchelei im Radsport hat der gedopte Ex-Profi Jörg Jaksche anschaulich beschrieben. Jaksche fuhr unter anderem fürs Team Telekom und sagte umfassend über das Dopingsystem aus. „Der gedopte Bjarne Riis“, sagte Jaksche, „hat viermal am Tag gesagt, der Basso (Ivan Basso, italienischer Radprofi – d. Red.) ist für mich wie ein Bruder, und plötzlich war er ganz enttäuscht, als Basso erwischt wurde.“

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