Sport : Jetzt hat er die Größe

Mit dem Titel in der NBA findet Dirk Nowitzki seinen Platz unter Deutschlands Sportlegenden

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Am Ende war das Licht. Nach 13 Jahren in der amerikanischen Basketball-Liga NBA hat Dirk Nowitzki endlich seinen ersten Meistertitel gewonnen. Foto: Camera4
Am Ende war das Licht. Nach 13 Jahren in der amerikanischen Basketball-Liga NBA hat Dirk Nowitzki endlich seinen ersten...Foto: Tilo Wiedensohler

Berlin - Dirk Nowitzki ist angekommen. Irgendwo in den luftigen Höhen des Sports, wohin es nur ganz wenige Athleten schaffen. Sein Titel in der amerikanischen Profiliga NBA hat den Basketballspieler dorthin katapultiert, und mit dem Ende des Finales begann zugleich die Deutung darüber, wie weit Nowitzki nun unter Deutschlands Sportlegenden aufgestiegen ist. Namen wie Michael Schumacher, Boris Becker und Franz Beckenbauer fliegen durch die Luft. Als ob Bälle mit Schlägern und Autos verglichen werden könnten. Nowitzki hat sich auf jeden Fall seinen Platz erobert, und es ist nicht schwer vorauszusehen, wer im Dezember als „Sportler des Jahres“ gekürt werden wird.

Es sind vor allem drei Eigenschaften, die bei Nowitzki gerade in dieser Kombination so ausgeprägt sind wie bei kaum einem anderen Leistungssportler: Beharrlichkeit. Technik. Freundlichkeit.

Beharrlichkeit. Die meisten Legenden des Sports erreichen schon früh ihre ersten Triumphe und bestätigen dann ihre Größe durch Wiederholung. Boris Becker ist so ein Fall, er war 17 bei seinem ersten Wimbledonsieg, Boxer Max Schmeling wurde mit 24 erstmals Weltmeister, Michael Schumacher in der Formel 1 mit 25. Selbst Bernhard Langer war in der körperlich weniger aufreibenden Sportart Golf jünger, als es Nowitzki jetzt ist: Langer gewann das Masters mit 28. Der knapp 33 Jahre alte Nowitzki hat einen langen Anlauf hinter sich. Rückschläge, auch mehrere hintereinander, schienen ihn nur noch mehr zu motivieren. Seine Beharrlichkeit wirkt umso größer vor dem Hintergrund, dass es vor ihm noch kein Deutscher zum NBA-Sieger gebracht hat. Das macht Nowitzki zum Pionier.

Technik. Als Nowitzki im Alter von 20 Jahren in die NBA kam, war sein außergewöhnliches Talent nicht mehr zu übersehen. Genauso offenkundig war allerdings, dass ihm noch viele Fähigkeiten fehlten. Nowitzki konnte zwar für seine Größe herausragend werfen, darüber hinaus war sein offensives Repertoire aber begrenzt, zudem verteidigte der junge Deutsche schlecht. Jahr für Jahr arbeitete er mit seinem Mentor Holger Geschwindner daran, ein kompletterer Spieler zu werden.

In diesen Play-offs zeigte der Würzburger, dass er im Angriff nicht zu stoppen ist. Lässt man Nowitzki Abstand, wirft er einfach über seinen Gegenspieler hinweg. Deckt man ihn eng, zieht er zum Korb und schließt dort auch gegen helfende Gegner ab, egal mit welcher Hand. Und für den Fall, dass die Verteidigung alles richtig macht und die 24-Sekunden-Angriffszeit beinahe abgelaufen ist, hat er sich einen schier unmöglichen Wurf im Rückwärtsfallen antrainiert, den kein Verteidiger der Welt blocken kann. Seine eigene Abwehr ist immer noch nicht herausragend – aber auch nicht mehr so unterdurchschnittlich, dass er als Schwachstelle im Kollektiv der Dallas Mavericks gilt.

Freundlichkeit. Sein Sieg widerlegt etwas, das schon fast Gewissheit war im Sport: Wer gewinnen will, darf niemals nett sein. Nowitzkis fehlende Aggressivität gegenüber anderen wurde ihm schon als Schwäche ausgelegt und als Erklärung dafür hergenommen, warum er es noch nicht bis nach ganz oben geschafft hatte. Doch die amerikanische Basketball-Legende „Magic“ Johnson sagte nach der Finalserie: „Er hat mentale Stärke gezeigt wie noch niemand in der NBA.“ Mentale Stärke und Aggressivität gehören also nicht zwangsläufig zusammen.

Auch wenn Nowitzki kein lauter Mensch ist: Er hat mittlerweile verstanden, dass er sein Team auch verbal anführen muss. Sein Englisch ist über die Jahre deutlich besser geworden, er hat keine Probleme mehr damit, das Wort in Mannschaftsbesprechungen oder auf dem Feld zu ergreifen. „Ich stauche schon mal jemanden zusammen, wenn ich das Gefühl habe, etwas läuft falsch“, hat er kürzlich einmal gesagt. „Ich fühle mich wohler als Anführer.“ Trotzdem ist er kein klassisches Alpha-Tier, das Konkurrenten und Teamkollegen wegbeißt oder jeden Erfolg für sich reklamiert. Er hat aber verstanden, dass es im Mannschaftssport Basketball auch Spieler geben muss, die am Ende den Ball wollen und die Verantwortung übernehmen.

Drohgebärden, arrogante Aussagen oder Psychospielchen sind ihm allerdings fremd. Gegner behandelt Nowitzki mit Respekt, nie vergisst er, seine Mitspieler zu loben und die eigene Leistung angemessen einzuordnen.

Es ist kein Zufall, dass er sich auch privat mit eher ruhigeren Menschen wohlfühlt. Zu seinen Freunden zählt der Tischtennisspieler Timo Boll. Beide verbindet nicht nur ihr Temperament. Sie teilen auch die Erfahrung, in einer Sportart herauszuragen, die im Ausland viel mehr gilt als zu Hause, Boll in China, Nowitzki in den USA. Welches Talent Nowitzki hat, bescheinigte ihm World-Cup-Sieger Boll nach einem gemeinsamen Tischtennisspiel: „Er hat sofort das Gefühl für die Rotation gehabt. Trotz seiner Körpergröße ist er auch beim Tischtennis ein Bewegungswunder.“

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