Sport : Jetzt liegt der Ball bei den Spielern

Hertha BSC muss heute gegen Gladbach Charakter zeigen – sonst ist wieder Trainer Stevens schuld

Michael Rosentritt

Berlin. Am Donnerstag tat Huub Stevens etwas, was ihm sicher nicht ganz leicht gefallen ist. Auf der Pressekonferenz vor dem heutigen Spiel warb der Trainer von Hertha BSC um Unterstützung bei den Fans des Berliner Bundesligisten, die ihn vor drei Wochen beim letzten Heimspiel gegen Bayer Leverkusen am liebsten aus dem Stadion gebrüllt hätten. „Wir können nur gemeinsam da rauskommen“, sagte Stevens.

Der 49-jährige Niederländer ist lange genug Trainer, um die Brisanz rund um ein Fußballspiel einschätzen zu können. Das heutige Bundesligaspiel gegen Borussia Mönchengladbach ist so eins. Heute kehren die Mannschaft und ihr Trainer das erste Mal nach dem Ultimatum ins Olympiastadion zurück.

Und genau dieser Umstand macht die Angelegenheit für den Trainer und die Mannschaft nicht einfacher. Sollte Hertha heute nicht wirklich engagiert Fußball spielen, eventuell in Rückstand geraten oder gar das Spiel verlieren, so werden aller Wahrscheinlichkeit nach die „Stevens raus“-Rufe wieder aufkommen. Ganz egal, wo Huub Stevens heute im Olympiastadion sitzen wird. Denn auf der Trainerbank darf Stevens während des Spiels nicht Platz nehmen. Das Betreten des Innenraums ist ihm aus disziplinarischen Gründen untersagt worden.

Der Anhang des Berliner Bundesligisten ist wegen der allgemein schlechten Ausgangslage und des erst kürzlich verstrichenen Ultimatums nach wie vor aufgewühlt. Zu frisch sind noch die Eindrücke. Mit dem von Manager Dieter Hoeneß ersonnenen, von Aufsichtsrat und Beteiligungsausschuss abgesegneten und von Mannschaft und Trainer in zwei Spielen erfüllten Ultimatum hat der Verein nicht das erreicht, was all die handelnden Personen zu erreichen gehofft hatten: dass der Anhang mit der Weiterbeschäftigung von Huub Stevens seinen Frieden geschlossen hat und dass Stevens und die Mannschaft in Ruhe weiterarbeiten und so tun können, als gäbe es keine Vorgeschichte.

Das Ultimatum war vor zwei Spielen gegen die wohl schlechteste aller Bundesligamannschaften erlassen worden. Vor allem handelte es sich um zwei Auswärtsspiele. Die beiden Spiele in Rostock konnten – wenn auch denkbar knapp – gewonnen werden. Doch schon das erste Spiel nach dem Ultimatum, das Bundesligaspiel vor einer Woche in Wolfsburg, wurde hoch verloren und bewies, dass Hertha keinen Schritt weitergekommen war. Ein paar hundert mitgereiste Berliner Fans forderten erneut den Rauswurf des Trainers und beschimpften die Mannschaft. „Schämt euch“, brüllten sie in Wolfsburg dem Mannschaftsbus hinterher. Auch wenn vor dem heutigen Heimspiel so wenige Karten wie lange nicht mehr abgesetzt wurden, könnte die Stimmung im Olympiastadion recht unangenehm werden. Das wissen auch die Spieler. „Wir haben unseren Fans nicht gerade schönen Fußball geboten“, sagt Kapitän Dick van Burik, der nach ausgeheilter Verletzung wieder ins Team zurückkehrt.

Der letzte Heimsieg gelang den Berlinern vor über fünf Monaten. Am letzten Spieltag der vergangenen Saison wurde der 1. FC Kaiserslautern mit 2:0 bezwungen. Seither hat Hertha von fünf Heimspielen keines gewonnen, nur zweimal unentschieden gespielt und dreimal verloren. Mit anderen Worten: Seit 168 Tagen warten die Hertha-Anhänger auf ein Erfolgserlebnis im Olympiastadion.

Unter der Woche wurden beim Berliner Bundesligisten die unterschiedlichsten Gremien aktiv. Aufsichtsrat und Beteiligungsausschuss erklärten die Diskussion um den Trainer für beendet. „Es wird jetzt keine wöchentliche Debatte um den Trainer geben“, sagte Manager Dieter Hoeneß gestern noch einmal. Zu diesem Zeitpunkt machte der Verein immer noch ein Geheimnis darum, von wo aus Stevens das Spiel beobachten und seinem Assistenten Gehrke seine Anweisungen per Funk einflüstern wird. Ob Stevens sich nun hinter der Glasscheibe einer Vip-Loge verbarrikadiert oder Hertha einen Unterstand in der Sandtribüne installiert, die Zuschauer werden genau hinsehen. Im schlimmsten Fall wird es ihnen nicht darum gehen, wo Stevens sitzt, sondern dass er überhaupt noch bei Hertha ist.

Huub Stevens ist eine Kämpfernatur. Es ist an der Zeit, dass die Mannschaft Charakter zeigt. Ansonsten werden sich zur Abwechslung die Spieler einzeln beim Anhang entschuldigen müssen.

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