Sport : Jetzt schon ein Klassiker

Mit jugendlichem Elan besiegt die deutsche Nationalmannschaft müde Engländer 4:1 – dabei profitiert sie auch von einem krassen Fehler des Schiedsrichters

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Der Jahrgang 2010 jubelt.
Der Jahrgang 2010 jubelt.Foto: ddp

Zum Wesen eines Fußballklassikers gehört, dass man auch Jahre, ach was: Jahrzehnte nach dem Spiel von ihm spricht. Das Achtelfinale der Weltmeisterschaft 2010 zwischen Deutschland und England bringt demnach alles mit für einen Klassiker. Die Diskussionen werden wohl lange nicht zu Ende gehen, nicht nur, aber auch wegen jener Szene in der 38. Minute – obwohl es über sie streng genommen gar nichts zu diskutieren gibt: Dass der Schuss von Frank Lampard von der Unterkante der Latte deutlich hinter die Linie geprallt war, war auch ohne technische Hilfsmittel zu sehen. Es wäre das 2:2 für die Engländer gewesen – nachdem sie bereits 0:2 zurückgelegen hatten. Vielleicht, vielleicht sogar wahrscheinlich hätte das Spiel dann einen anderen Verlauf genommen. So aber gewannen die Deutschen am Ende dank zweier perfekter Kontertore von Thomas Müller noch 4:1 (2:1) und treffen am Samstag im Viertelfinale wie schon 2006 auf Argentinien.

„Wir haben von hinten bis vorne eine sehr gute Leistung gezeigt“, sagte Stürmer Lukas Podolski. Es war ein großer Sieg für die Nationalelf, der jedoch wegen des nicht gegebenen Ausgleichs der Engländer einen kleinen Flecken hat.

Die Deutschen traten sehr viel sicherer auf als zum Abschluss der Gruppenphase gegen Ghana. Ihre Defensive wirkte deutlich organisierter, die Engländer fanden selten Raum, versuchten es immer wieder vergeblich durch die Mitte. „Wir haben taktisch sehr gut gespielt. Wir hatten die Kompaktheit“, sagte Bastian Schweinsteiger, der nach seiner Verletzung rechtzeitig fit geworden war, der jungen Mannschaft Stabilität verschaffte und auch die erste Chance einleitete. Nach Schweinsteigers feinem Pass lief Mesut Özil allein auf das englische Tor zu. Aber wie gegen Australien und Ghana offenbarte er erneut seine gravierende Eins-gegen- eins-Schwäche: Özil wollte David James den Ball durch die Beine spitzeln, Englands Torhüter aber schloss gerade noch rechtzeitig die Lücke.

Özil ist ein Spieler, der das Schwere einfach macht, doch manchmal funktioniert Fußball auch auf die denkbar simpelste Weise. So wie nach 20 Minuten: Abstoß Manuel Neuer, der Ball fliegt bis an den gegnerischen Strafraum, Matthew Upson verschätzt sich, versucht Miroslav Klose noch zu halten, doch im Straucheln spitzelt Deutschlands Stürmer den Ball an James vorbei zum 1:0. Für Klose, der nach seiner Sperre wieder in die Startelf gerückt war, war es der zwölfte WM-Treffer. Neuer aber sicherte sich den ersten Scorerpunkt für einen Torhüter bei dieser WM.

Dass die Deutschen nicht nur das brachiale Spiel (Abschlag – Tor) beherrschen, sondern auch die kleine Form, zeigten sie in der Folge gleich mehrmals. Klose hatte eine weitere gute Möglichkeit, nachdem Sami Khedira mit der Hacke einen Doppelpass mit Thomas Müller gespielt hatte; nach dessen Vorlage aber scheiterte Klose an James. Nur eine Minute darauf aber war Englands Torhüter erneut geschlagen. Wieder ging es schnell, wieder waren Klose und Müller beteiligt, der im entscheidenden Moment den Überblick behielt und, anstatt selbst abzuschließen, Lukas Podolski bediente. Dessen Schuss rauschte James durch die Beine hindurch zum 2:0 ins Netz.

Die Engländer schienen geschlagen, aber die Deutschen gewährten ihnen plötzlich erstaunliche Freiräume. Erst ließ Per Mertesacker Lampard aus dem Auge, Neuer rettete. Nur zwei Minuten später rückte Müller nach einer kurz ausgeführten Ecke nicht schnell genug heraus, Steven Gerrard konnte unbedrängt flanken – und Innenverteidiger Upson ebenso unbedrängt zum Anschluss einköpfen, weil Jerome Boateng seine Füße nicht vom Boden bekam.

„Wir hätten England eigentlich ganz aus dem Spiel herausschießen müssen“, haderte Bundestrainer Joachim Löw über die kurze, aber beinahe entscheidende Phase der Nachlässigkeit. England war wieder im Spiel – und wie. Nur eine Minute nach dem 1:2 erzielte Lampard den vermeintlichen Ausgleich (siehe Text links). Die Engländer suchten die Gunst des Moments zu nutzen, die Deutschen verloren kurzzeitig die Hoheit über das Geschehen.

Gleich nach der Pause traf Lampard, diesmal nach einem Freistoß, erneut die Latte. Wie gefährlich seine Freistöße sind, zeigte sich auch in der vorentscheidenden Situation des Spiels – nachdem der Ball in der Mauer hängen geblieben war, starteten die Deutschen einen perfekten Konter über zwei Stationen. Müller schickte Schweinsteiger, der passte im richtigen Moment zurück, und Müller traf zum 3:1. Nur zwei Minuten später erzielte der 20-Jährige, wieder nach einem Konter, diesmal nach Vorarbeit von Özil, sein drittes Turniertor. „Taktisch hat die Mannschaft die Sache hervorragend gelöst“, sagte Löw. „Sie kann gut kombinieren, den Ball laufen lassen und den Rhythmus verändern.“

Ein Tor mehr – und die Deutschen hätten nicht nur Wembley gerächt, sondern auch ein anderes Trauma besiegt: das 1:5 in München. Doch auch so werden die Engländer dieses Spiel nicht vergessen. Es war ihre höchste WM-Niederlage überhaupt.

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