Sport : Jetzt wirbt auch der Bundeskanzler

Jens Mende

Der erste Eindruck prägt sich ein, doch darauf wollen sich die deutschen WM-Werber nicht verlassen. Deshalb stieg am Donnerstag der Kanzler in den "WM-Ring 2006", kaum dass die Fifa-Inspektoren zum großen Konkurrenten England weitergeflogen waren. Nach einer fünftägigen Deutschland-Tour der Spezialkommission des Fußball-Weltverbandes (Fifa) um den US-Amerikaner Alan I. Rothenberg setzte Gerhard Schröder die vertrauensbildenden Maßnahmen im Sinne des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) fort. In seinem Berliner Wohnsitz versuchte der Bundeskanzler, den Fifa-Chef persönlich auf den Standort Deutschland einzuschwören. Präsident Joseph Blatter, der sich stets öffentlich für Südafrika als Gastgeber 2006 ausgesprochen hatte, kam mit neuer Zurückhaltung nach Berlin.

"Jetzt läuft die Kandidatur-Phase. Da halte ich mich zurück", verkündete der Schweizer in einem Interview mit "Bild". Seine Meinung über die Notwendigkeit des ersten Weltchampionats auf afrikanischem Boden hat Blatter nicht geändert. Aber zumindest konnte er Schröder mitteilen, "dass ich die deutsche WM-Bewerbung hoch einschätze". Ähnliche Komplimente hatte die sechsköpfige Fifa-Abordnung verteilt, die vor allem von der Geschlossenheit der deutschen Kandidatur angetan war. "Es ist beeindruckend, wie viele Leute daran arbeiten, dass die Bewerbung zum Erfolg führt", äußerte Rothenberg. "90 Prozent der Deutschen haben sich für eine WM-Bewerbung ausgesprochen", bestätigte Innenminister Otto Schily.

Was die Kommission noch zu bemängeln hat, wollte Rothenberg nicht mitteilen: "Das werde ich in meinen Bericht an die Fifa schreiben." Zumindest aber sieht sich der DFB weiter auf dem richtigen Weg, den der Verband schon 1993 eingeschlagen hatte. Botschafter Günter Netzer wertete das Lob der Inspektoren nicht nur als Höflichkeits-Formel: "Wir lügen uns nicht in die eigene Tasche. Die Kommission hat festgestellt, dass man sehr zufrieden sein kann." Mit einem Augenzwinkern habe man die Delegation zum Mitbewerber verabschiedet: "Wir können ja darauf hoffen, dass die Inspektoren müde sind und in England auch schlechteres Wetter ist."

Der Präsident des deutschen Bewerbungskomitees, Franz Beckenbauer, empfindet es keinesfalls als Nachteil, als erster der fünf Kandidaten unter die kritischen Augen der Fifa-Gutachter gekommen zu sein. "An dem Eindruck, den die Inspektoren bei uns gewonnen haben, müssen sich die anderen jetzt messen lassen", ergänzte Netzer. Zumal Hertha BSC mit dem 1:0-Sieg über den AC Mailand vor 76 000 Zuschauern für einen emotionalen Abschluss der Deutschland-Tour sorgte. Beckenbauer weiß, wie er die Tage der Inspektion einordnen muss. "Es sind noch sehr viele Reisen angesagt, es ist noch viel Überzeugungskraft nötig.". Am 6. Juli 2000 in Zürich werden nicht Rothenberg und seine Mitstreiter, sondern die insgesamt 24 Exekutiv-Mitglieder der Fifa über Wohl und Wehe der deutschen Bewerbung befinden.

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