Sport : Jetzt wird Hertha böse

Beim 0:2 in Hamburg wollen die Berliner wieder einmal Fehler der Schiedsrichter festgestellt haben

André Görke

Berlin. Fredi Bobic sprach in aller Höflichkeit. Er habe dem Schiedsrichter in die Augen geschaut, erzählte Bobic am Tag danach, er kenne ihn schließlich noch „von früher“, als Bobic als Jugendlicher auf den Stuttgarter Fußballplätzen kickte und der etwas jüngere Markus Schmidt schon Schiedsrichter war. Bei ihrem Wiedersehen am Samstag habe Bobic, der Stürmer von Hertha BSC, „dem Markus in die Augen geschaut“ und darin „nur Leere“ erkannt. Bobic fragte dann fürsorglich: „Was’n los, Markus?“ Bobic erzählte das so nett, als wolle er „den Markus“ in Schutz nehmen. Nur leider stellte er den 30 Jahre alten Bundesligaschiedsrichter dar wie einen bemitleidenswerten Trottel.

Es gab viele Kommentare zur Leistung des Schiedsrichters. Markus Schmidt soll am Samstagnachmittag nämlich das Fußballspiel zwischen dem Hamburger SV und Hertha BSC entschieden haben, das die Berliner am Ende 0:2 verloren. Schmidt hatte nach 55 Minuten Herthas Kapitän Dick van Burik wegen einer Tätlichkeit mit der Roten Karte in die Kabine geschickt; zehn Minuten später durfte ihm Arne Friedrich wegen einer Notbremse folgen. Die Berliner wittern dahinter eine Art Verschwörung. So direkt sagte das zwar niemand, aber wie sonst sollen die Worte von Manager Dieter Hoeneß interpretiert werden, der nach Abpfiff von einer „gewissen Tendenz“ sprach und erst einen Tag später die etwas sachlichere Formulierung wählte: „Ich halte beide Roten Karten für nicht angebracht.“

Zwei Rote Karten, ein nicht gegebener Elfmeter – das fügt sich gut in die anderen, strittigen Szenen seit der Winterpause, die Hertha beklagt. „Schiedsrichter pfeifen, was sie gar nicht sehen“, sagt Trainer Hans Meyer. Gegen Stuttgart wurde Hertha ein Treffer nicht anerkannt, weil Marcelinho einen Freistoß zu schnell ausgeführt haben soll. Gegen Bochum wurde Hertha ein Treffer nicht anerkannt, weil Andreas Neuendorf mit seinem Körper die Mauer weggewuchtet haben soll.

Während sich Manager und Trainer am Sonntagmittag um Kopf und Kragen redeten und versuchten, die Medien auf Linie zu bringen, verhielten sich zumindest die Täter zurückhaltend. „Es hat jeder gesehen, was ich getan habe“, sagte Dick van Burik. Ein Urteil werde er nicht abgeben, da es sich um ein schwebendes Verfahren handele. Heute wird der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Spielbericht des Schiedsrichters auswerten und das Schiedsgericht ein Schnellverfahren einleiten. Am Mittag könnte also feststehen, wie lange die Berliner gesperrt werden. Van Burik und Friedrich werden auf jeden Fall im Heimspiel am Samstag gegen den FC Bayern München fehlen. Wenn Hertha Einspruch gegen das Urteil einlegen sollte, dann könnte sich das Verfahren noch ein paar Tage hinziehen, heißt es beim DFB. Auch dort habe man von der Verschwörungstheorie gehört, es stand ja alles in den Zeitungen. Aber was Hertha nun fordert, „ist uns nicht richtig klar“.

Was will Hertha eigentlich? Nur erfahrene Schiedsrichter für Spiele im Abstiegskampf, keine 30-Jährigen mehr mit der Erfahrung von sechs Bundesligaspielen? Oder doch am liebsten ganz neue Schiedsrichter, weil die noch keinen Streit mit den Berlinern hatten? Es sei nämlich so, sagt Mittelfeldspieler Pal Dardai: „Schiedsrichter haben ein Gedächtnis. Deshalb ist es nicht gut, sich groß über sie zu äußern.“ Schiedsrichter halten zusammen. Vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum Trainer Meyer in Hamburg „eine gewisse Voreingenommenheit des vierten Schiedsrichters“ bemerkt haben will. Was Meyer damit meinte, sagte er nicht.

Über die Rote Karte gegen van Burik wurde deshalb so intensiv diskutiert, weil sein Gegenspieler Bernd Hollerbach nach dem Schubser theatralisch zu Boden ging. Hertha wolle „sensibilisieren“, sagt Hoeneß. Aber so energisch und offensiv, wie sich Spieler und Verantwortliche äußerten, verspricht diese Strategie nicht den größten Erfolg. Immerhin wies Trainer Meyer darauf hin, dass bei der Analyse „kein Wort“ über den Schiedsrichter gefallen sei. Als etwa Friedrich seinen Gegenspieler zu Fall brachte und die Rote Karte sah, „standen wir schlecht“, sagte Meyer. Er wolle jedenfalls die Verantwortung für die Niederlage nicht dem Schiedsrichter zuschieben. Fast hätte man diesen Eindruck gewinnen können.

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