Sport : Joachim Fest am Bratwurststand

Philipp Köster

Wird ja immer behauptet, dass seit einigen Jahren immer mehr Intellektuelle zum Fußball gehen. Während Dichter und Denker früher nur die Nase gerümpft hätten, weil in den Stadien das niedere Volk seine rohen Spiele spielte, hätten die Geistigen nun den Fußball für sich entdeckt. So als gesellschaftliches Phänomen und überhaupt.

Aber das ist natürlich Unfug. Ein paar Intellektuelle sind schließlich schon immer ins Stadion gegangen, Walter Jens zum Beispiel, und Camus hat sogar selbst gekickt. Aber sonst? Mag ja sein, dass es inzwischen auf Buchmessenpartys schick ist, die Bundesliga-Ergebnisse zu diskutieren. Wer sich allerdings auf solchen Partys als leidenschaftlicher Fußballfan outet, hat meistens sein letztes Spiel im Stadion gesehen, als noch der Sportgroschen auf den Eintrittskarten ausgewiesen wurde und der FC Homburg in der Bundesliga spielte. Auf den Rängen jedenfalls hat sich eine erhöhte Präsenz unserer geistigen Elite noch nicht sonderlich bemerkbar gemacht. Zumindest ist es mir bislang noch nicht passiert, dass am Bratwurststand hinter der Tribüne engagiert die Wiedereröffnung des Bode-Museums oder sachliche Fehler im letzten Buch von Joachim Fest diskutiert worden wären.

Vielleicht irre ich mich allerdings auch, und die Intellektuellen halten sich einfach nur besonders zurück, um nicht unangenehm aufzufallen. Denn für Intellektuelle ist die Fallhöhe im Stadion besonders groß. Das musste unlängst ein Bekannter, seines Zeichens Germanist und angehender Lehrer, erfahren. Der sprang in Osnabrück im Eifer des Gefechts auf den Zaun und bölkte wilde Beschimpfungen in Richtung Spielfeld. Bis ihn jemand an der Hose zupfte und erstaunt fragte: „Was machen Sie denn hier?“ Es war ein Schüler aus seiner Referendariatsklasse. Der Bekannte hüstelte und stolperte zurück in den Block. Er ahnte schon: keine guten Voraussetzungen, um am nächsten Montag in der Klasse 10 b Disziplin und Ruhe einzufordern.

Die Intellektuellen haben es beim Fußball eben schwer. Auch ohne Diskussionen über Joachim Fest.

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