Sport : Joachim Löw: Weinblätter und türkischer Mokka

Oliver Trust

Wo genau Christoph Daum einst saß, wusste auch der Wirt nicht mehr. Er hat sich trotzdem gefreut, dass sein türkisches Spezialitätenrestaurant im Stuttgarter Westen so beliebt ist bei den deutschen Fußballtrainern, die in die Türkei wechseln und bei ihm vorbeikommen, um "Auf Wiedersehen" zu sagen. Daum flüchtete 1994 nach Meisterschaft und peinlichem Wechselfehler aus Schwaben zu Besiktas Istanbul. Jetzt saß Joachim Löw im grauen Anzug da und erklärte, warum er ausgerechnet beim abstiegsbedrohten Tabellenfünfzehnten Adanaspor weit im Osten der Türkei, nur ein paar Autostunden von der syrischen Grenze entfernt, als Trainer einen Neuanfang machen will. "Da ist eine kleine Delle nach dem Abstieg mit dem Karlsruher SC. Das war mein Tiefpunkt. Ich hoffe jetzt auf einen Startschuss in eine bessere Zukunft", sagte der 40 Jahre alte Löw.

"Ich war damals vielleicht nicht flexibel genug. Aber man muss eine gewisse Flexibilität haben, ganz leicht von seiner Linie abweichen, wenn es nötig ist. Ich habe einiges gelernt dort." Löw musste oft aufstehen an diesem Tag des Abschieds. Aber er kennt die Spielchen, die gespielt werden, wenn türkische Journalisten am Tisch sitzen. Ein Foto mit dieser Zeitung, eines mit der anderen. Selbst in der Zwei-Millionen-Stadt Adana gibt es sechs oder sieben Blätter, die jeden Tag seitenweise über Fußball berichten.

Ganz so schlimm wie 1998, als Löw zum Spitzenklub Fenerbahce Istanbul ging, ist es diesmal nicht. Damals saßen die türkischen Fotografen im Remstal in der Hecke vor seinem Wohnhaus in Strümpfelbach und fotografierten einfach alles - von der Regenrinne bis zum Vorhang. Im Fernsehen diskutierten Experten in der Sendung "Fußballgericht", ob Löw der Richtige sei. "Gewinnen musst du in Adana auch", sagt Löw vorsichtig. "Aber du warst der erste, den sie dort auf dem Rücken getragen haben", sagt ein türkischer Journalist.

Das war im Dezember. "Ich hatte noch gar nicht unterschrieben, sondern kam zu Verhandlungen am Flughafen an." Draußen standen die Busse und 200 Fans zusammen mit dem Präsidenten und 50 Journalisten. "Die Türken lieben Fußball, überall wird diskutiert", sagt Löw. Er lobt die Türkei und ihre Gastfreundschaft - nicht nur, weil gerade wieder ein Reporter aus der Türkei zum Telefon rennt und in der Redaktion anruft. "Ich habe noch Freunde in Istanbul, die ich regelmäßig sehe. Die Türkei war für mich trotz des schnellen Endes positiv." Nach einem Jahr musste Löw gehen. "Wir sind nicht Meister geworden, das aber musst du mit einem Spitzenklub dort schaffen."

Jetzt muss er sich selbst, sein leicht angekratztes Image und den Verein Adanaspor mit seiner wohlhabenden Industrieregion vor dem Abstieg retten. Noch ein Abstieg täte der Trainerkarriere nicht gut, dieser Gefahr ist sich Löw bewusst. "Aber es ist immer ein Risiko", sagt er lapidar. "Wenn du dich dort professionell verhältst, wirst du auch nicht davongejagt." Es gibt Regeln, die manchmal seltsam anmuten. Fenerbahce lässt den Weltverband Fifa über die Abfindungszahlung an Löw entscheiden. Nun geht der Badener wieder ein solches Abenteuer ein. Trotz der ersten Erfahrungen ist es wieder eines. "Vor allem für meine Frau. Sie wird es viel schwerer haben als in Istanbul. Das jetzt ist viel mehr ursprüngliche Türkei." Aber Adana bietet eine deutsche Schule mit einer Deutschlehrerin, und Bayern Münchens ehemaliger Profi Sven Scheuer hütet das Tor von Adanaspor. "Es gibt einige in der Mannschaft, die Deutsch sprechen." Sie kickten in Hannover oder Essen. Der Dolmetscher kommt aus Berlin, der Assistenztrainer Armin Walz aus Stuttgart. "Ich freue mich drauf, es ist eine Herausforderung", sagt Löw.

Geld genug scheint in Adana auch vorhanden. Der Klub gehört den Brüdern Cen und Hakan Uzan, die mit der "Star-Gruppe" einen großen Medienkonzern besitzen, die größte Zeitung des Landes, die Fernsehrechte für Liveübertragungen und den Mobiltelefonmarkt beherrschen. Löw: "Der Präsident von Adanaspor sitzt in leitender Position im Firmengebäude der Star-Gruppe in Istanbul." Aus Adana berichtet ein Generalmanager, wie das Training läuft.

"Du, in Adana wird es heiß, das du das nur weißt", ruft der Reporter von Hürriyet. Er meinte natürlich die Temperaturen von fast 35 Grad schon im Mai. Aber Joachim Löw kennt die zwischen den Zeilen versteckte Botschaft. "Elf Mal hat die Mannschaft nun nicht gewonnen. Meister werden wollen und können wir nicht. Ich habe ein gutes Gefühl", sagt Löw und lächelt mit der aktuellen Ausgabe einer der vielen Zeitungen in die nächste Kamera. Der Wirt bringt gefüllte Weinblätter und einen türkischen Mokka - so wie damals bei Christoph Daum.

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