Joachim Streich über Strafen gegen Ostklubs : "Einseitige Urteile"

Im Tagesspiegel-Interview spricht Ostfußball-Legende Joachim Streich über die Strafen für Dynamo Dresden und Hansa Rostock nach den Ausschreitungen ihrer Fans und darüber, wie Fangewalt gestoppt werden kann.

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Beim DFB-Pokalspiel in Dortmund sorgten Dynamo-Anhänger für Zünd- und Gesprächsstoff.
Beim DFB-Pokalspiel in Dortmund sorgten Dynamo-Anhänger für Zünd- und Gesprächsstoff.Foto: picture alliance / dpa

Herr Streich ....

... ich weiß schon, weshalb Sie anrufen. Sie wollen bestimmt wissen, warum es bei den ostdeutschen Fußballklubs so viel Randale gibt, oder?

Haben Sie denn eine Erklärung dafür?

Das sind keine Fans, die da durchdrehen und auf andere einprügeln. Das sind Verbrecher. Die müssen mit aller Härte bestraft werden, nicht nur mit Stadionverboten. Die gehören ins Gefängnis.

Der Deutsche Fußball-Bund greift nun zu drakonischen Strafen. Dynamo Dresden ist nach wiederholten Ausschreitungen mit einer Sperre für den nächsten DFB-Pokal belegt worden, Hansa Rostock muss am kommenden Wochenende sein Zweitligaspiel gegen Dresden ohne Zuschauer austragen.

Ich finde das nicht korrekt. Die Vereine werden hier in Mithaftung genommen für professionelle Randalierer. Ich kann ja verstehen, wenn für den DFB der Punkt erreicht ist, an dem man sagt: Jetzt ist Schluss! Aber es entsteht der Eindruck, dass es Vereine aus dem Osten immer besonders hart trifft. Auch im Westen gibt es Chaoten, schauen Sie nur zu Eintracht Frankfurt. Dort wird seit Jahren randaliert, in der Fankurve hängen Plakate wie „Randalemeister“ oder mit dem geschmacklosen Spruch „Bomben auf Dresden“. Von harten Strafen ist mir hier vom DFB, der ja in Frankfurt am Main sitzt, nichts bekannt. Ein bisschen einseitig sind die Urteile schon. Gewalt ist nicht bloß ein Problem des Ostfußballs.

Dresden ist so hart bestraft worden, weil es sich um Wiederholungsfälle handelt.

Ich finde es richtig, dass Dynamo dagegen Einspruch eingelegt hat. Dresdens Fans sind insgesamt keine Randalierer. Bei meinen letzten Stadionbesuchen habe ich eine wunderbare Atmosphäre erlebt. Natürlich gibt es Chaoten dort, aber das ist eine kleine Gruppe, die die Bühne Fußball für ihren Frust nutzt. Dafür den ganzen Verein zu sperren, führt nur zu noch mehr Frust. Die beiden Klubs sind ja nicht auf Rosen gebettet, sie brauchen die wegfallenden Einnahmen. In Rostock steigt der Hauptsponsor aus, da gehen 800 000 Euro verloren. An der Küste findet man dafür nicht so leicht Ersatz.

Rekordmann des DDR-Fußballs: Joachim Streich, 60, spielte einst für Hansa Rostock und den 1. FC Magdeburg. In der DDR-Oberliga schoss er die meisten Tore (229) und hatte die meisten Länderspiele (102).
Rekordmann des DDR-Fußballs: Joachim Streich, 60, spielte einst für Hansa Rostock und den 1. FC Magdeburg. In der DDR-Oberliga...Foto: dpa

Unternehmen denn die bestraften Vereine tatsächlich genug gegen Gewalt? Gerade in Rostock hält sich hartnäckig der Verdacht, dass Hansas Ordnungsdienst mit Randalierern kooperiert.

Das kann ich nicht beurteilen, aber ausschließen will ich das nicht. Ich habe als Stadionbesucher bei Hansa selbst erlebt, wie ein paar Ultras das ganze Stadion bedrohen. Beim Abstieg aus der Zweiten Liga durfte ich nach dem Spiel nicht die Ehrentribüne verlassen, weil unten der Mob wütete. Da fragt man sich: Wie kommen die überhaupt in den Innenraum?

Sollte die Polizei stärker eingreifen?

Das tut sie längst. Ich war letztens beim Viertligaderby zwischen dem 1. FC Magdeburg und dem Halleschen FC, da wurden die Gästefans extra zu einem anderen Bahnhof eskortiert. Das Polizeiaufgebot war absoluter Wahnsinn. Dennoch flogen nach dem Spiel aus dem Halle-Fanblock Raketen auf neutrale Zuschauer. Wie kann man so etwas reinschmuggeln?

Sie klingen ein wenig resigniert?

Die harten Urteile gegen die Ostklubs tun mir weh. Aber vielleicht haben sie ein Gutes: Sie bringen normale Fans zum Nachdenken. Wir müssen aufstehen gegen die Chaoten und rufen: Halt! Stopp! Das ist unser Fußball, den ihr hier kaputtmacht!

Das Gespräch führte Robert Ide.

Joachim Streich, 60,

spielte einst für Hansa Rostock und den 1. FC Mageburg. In der DDR-Oberliga schoss er die meisten Tore (229) und hatte die meisten Länderspiele (102).

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