Sport : Jörg Berger

Wie Rostocks Trainer das Spiel in Berlin erlebte

Friedhard Teuffel

Um an seinen Arbeitsplatz zu kommen, benötigt Jörg Berger an diesem Nachmittag Hilfe. Drei kräftige Männer in Neonjacken bahnen ihm den Weg zur Trainerbank im Olympiastadion. Berger weiß, wie so ein erster Wettkampftag bei einem neuen Arbeitgeber abläuft. Hansa Rostock ist seine fünfzehnte Trainerstation, seitdem er 1979 aus der DDR in den Westen geflüchtet war. Er erträgt lächelnd die Nähe der Fotografen und Kameramänner, bis die Männer in den Neonjacken sie beiseite schieben und Berger den Blick aufs Spielfeld freimachen.

Berger trägt einen schwarzen, eleganten Mantel. Darunter schauen ein weißes Hemd mit Stickereien und eine dezente Krawatte hervor. Der 60 Jahre alte Sachse wird an diesem Abend noch gemeinsam mit seinem Berliner Freund und Kollegen Falko Götz im ZDF-Sportstudio auftreten. Die ersten Minuten des Spiels verfolgt Berger im Stehen, mal hält er die Arme hinter dem Rücken, mal hat er sie vor der Brust verschränkt. Er sieht gelassen der Abwehrarbeit seiner Mannschaft zu. Berger hat umgestellt, sich für eine Viererkette entschieden und sie mit drei neuen Spielern besetzt. Ab und zu formt er seine Hände zu einem Schalltrichter und ruft seinen Spielern etwas zu, fast immer sind es Anweisungen an die Stürmer.

Später wird er über den Ausgang des Spiels sagen: „Es ist tragisch, aber wenn man die 90 Minuten sieht, dann geht das 1:1 in Ordnung.“ Streckenweise habe seine Mannschaft gut gespielt und gekämpft. „Sie hat sich für die Leistungen der vergangenen Wochen rehabilitiert.“

Das ganze Spiel über steht Berger, er läuft höchstens ein paar Schritte um die Bank herum. Seine Körperhaltung wirkt wie die eines Professors. Als das 1:0 für Rostock fällt, bewegt er sich kaum. Er schaut nur kurz nach hinten und fordert die aufgesprungenen Ersatzspieler mit einer Geste auf, sich wieder zu setzen. So sachlich verfolgt er auch die zweite Spielhälfte. Für den Abwehrspieler Rasmussen wechselt er in der 60. Minute den Stürmer Rade Prica ein. In der Schlussphase wendet Berger dem Geschehen öfter den Rücken zu. Den Ausgleich der Berliner in den letzten Sekunden nimmt er beinahe ohne Regung auf.

Das Spiel ist vorbei, Berger knöpft sich den Mantel auf. Dem vorbeilaufenden Schiedsrichter deutet er mit einem Fingerzeig auf seine Uhr an, dass die Nachspielzeit zu lange war. Dann gibt er sein erstes Interview.

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